Berlin : Kurzmeldungen

Stephan Wiehler

PRO

Unsere Urgroßväter sprachen von Knaster, Orient oder starkem Tobak, wenn sie Cannabis meinten. Hanf knistert seit Jahrhunderten in deutschen Pfeifen. Daran hat auch die vergleichsweise kurze Geschichte der Cannabis-Prohibition wenig ändern können. Vom Verbot der Droge profitiert hat vor allem das organisierte Verbrechen, das den Markt monopolistisch beherrscht. Der Handel mit den Cannabis-Produkten Haschisch und Marihuana ist ein lohnendes Geschäft, denn längst ist das Rauschgift zur Volksdroge geworden. Der Joint kreist unter Alt-68ern ebenso wie in der Hip-Hop-Generation, gekifft wird von der Hausfrau bis zum Vorstandschef, und nicht nur Krebspatienten schätzen die appetitanregende, schmerzlindernde und stimmungsaufhellende Wirkung des Medizinalhanfs.

Es gibt keinen sinnvollen Grund, Kiffer weiter zu kriminalisieren. Nach medizinischem Forschungsstand sind die gesundheitlichen Risiken im Vergleich zum Alkohol-Konsum marginal. Auch als Einstiegsdroge zu härteren Rauschmitteln wie Heroin oder Kokain taugt Cannabis nur so lange, wie es verboten bleibt. Das niederländische Modell der kontrollierten Freigabe hat gezeigt: Seit die Holländer Haschisch und Marihuana in bester Qualität in Koffieshops kaufen können, werden immer weniger Erstkonsumenten gezählt.

Die Legalisierung von Cannabis ist also überfällig – im Sinne der Suchtprävention und des Finanzministers, der eine neue Steuerquelle erschließen könnte.

CONTRA

Gebt den Hanf frei, na klar! Ein Joint hin und wieder, das schadet doch keinem und macht ebenso wenig süchtig wie das Glas Wein oder das Bier, das wir regelmäßig trinken. Bei den heute 40- bis 50-Jährigen gehört Haschisch mit zum Lebensgefühl einer rebellisch aufgewachsenen Generation. Gekifft hat nahezu jeder einmal, da wirkt die drohende Strafverfolgung nur noch wie ein anachronistisches Überbleibsel einer repressiven Gesellschaft. Aber so verantwortungsvoll Erwachsene im Allgemeinen mit Cannabis oder den potenziell tödlicheren Drogen Tabak und Alkohol umgehen – auf Kinder und Jugendliche kann das nicht übertragen werden. Sie sind noch in der körperlichen und seelischen Entwicklung und noch ungefestigt. Für Schulen und Jugendeinrichtungen, die bereits jetzt über wachsende Drogenprobleme klagen, wäre die Freigabe ein verheerendes Signal. Damit wird die dringend notwendige Prävention nicht leichter, sondern schwerer.

Niemand kann verhindern, dass Jugendliche alle Arten von Drogen probieren. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Manche machen auch mit, weil sie sich dem Gruppendruck nicht entziehen können. Deswegen müssen wir Jugendliche unterstützen, ihre Erfahrungen mit Drogen zu verarbeiten. Ohne Hilfe kann Cannabis in eine Spirale zu immer härteren Drogen führen. Doch Beratung wird immer schwieriger. Die Zahl der suchtkranken Kinder wird wachsen, je normaler der Joint wird. Auch eine liberale Gesellschaft kann und muss deshalb Grenzen setzen – oder beibehalten. Gerd Nowakowski

WAS MEINEN SIE?

Soll Cannabis legalisiert werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de

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