Berlin : Kurzmeldungen

Der Raucher, das verfolgte Wesen, kann beim Blick auf Leinwand und Bühne durchatmen. Ein Trend? Auch im Musical „The Rat Pack“ wird fleißig gequalmt Zug um Zug

Katja Füchsel

Hier, in den Sesseln des Schiller-Theaters findet Trost, wer im wahren Leben längst geächtet ist – als armer Süchtiger, egoistischer Luftverpester, Ewiggestriger, kurz: als Raucher. Aber bei der Premiere von „The Rat Pack“ am Freitag konnte er mal wieder rasselnd aufatmen, denn mit Hits von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis jr. sind im Schiller-Theater auch Gebräuche aus den 60ern wiederauferstanden. So wie damals im Stammhaus der Truppe, dem „Sands Hotel“ in Las Vegas, nehmen sich die Drei zwischen den Songs auf die Schippe, gießen mehrere Runden Whiskey hinter die Binde – und rauchen, dass man gleich zum nächsten Automaten rennen möchte. Ein Feuerwehrmann überwacht Abend für Abend hinter der Bühne das nikotinschwere Musical. Es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, doch beim Veranstalter „Semmel Concerts“ heißt es: „Bislang gab es von keiner Seite Beschwerden.“

Dabei gehören Schimpf und Schande inzwischen zum Rauchen wie Feuerzeug und Aschenbecher. So hat ja Madonna erst jetzt verraten, dass sie den Aufsehen erregenden Zungenkuss mit Britney Spears bei den MTV-Awards furchtbar fand. „Mir ist fast schlecht geworden, weil sie nach Zigaretten schmeckte“, sagte die Königin des Pop. Es scheint, als wenn den Rauchern ein Leben in Sucht und Würde nur noch auf der Bühne, im Film oder Fernsehen vergönnt ist. Studien zumindest belegen einen Trend im amerikanischen Kino hin zur Zigarette. Nachdem zwischen 1960 und 1990 die rauchenden Helden immer weniger wurden, steigt der Trend inzwischen wieder deutlich an. „Was die Vorbild-Wirkung der Zigaretten für Jugendliche im Film anbelangt, gehöre ich eher zu den Skeptikern“, sagt Dieter Wiedemann von der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam.

Viele Regisseure meinen sogar, dass Rauchwerkzeuge aller Art als Ausdrucksmittel kaum zu ersetzen sind: Die Zigarre symbolisiert die Macht des Industriebosses, die Zigarette hinterm Ohr den kleinen Mann, der Zigarillo im Mund einer Frau den Vamp. Die Kippe am Tatort überführt den Täter, der Lippenstift am Filter den untreuen Ehemann. Statt lange Dialoge auszutüfteln, lässt man die Schauspieler symbolisch rauchen: vor Aufregung, beim Warten oder zur Entspannung danach. Der amerikanische Schauspieler Sean Penn hat vielleicht deshalb einmal erklärt: „Ich bin nicht für Rauchen. Aber ich bin nicht gegen Rauchen im Film. Ganz im Gegenteil. Ich werde sehr viel rauchen. Und ich werde mit allen meinen Kräften dafür kämpfen, dass Schauspieler weiterhin sich ausdrücken können, wie sie es wollen.“

Ohnehin ist der Gegensatz in Amerika noch krasser als hierzulande. Während die Raucher in Deutschland in den meisten Restaurants und Clubs noch gelitten sind, können sich die Amerikaner den nächsten Mauervorsprung im Regen suchen. Doch Statistiken belegen: Acht der zehn erfolgreichsten Hollywood-Filme der Jahre 1999 und 2000 zeigten Raucher. „Chicago“ gewann nicht nur diverse Oscars, sondern wurde auch zum verrauchtesten Film des Jahres gewählt. Smoke sells – den besonderen Wert der Zigarette im Film hat die Tabakindustrie schon vor vielen Jahren erkannt. Stars wie Silvester Stallone verpflichtete sich 1983, für 500000 Dollar in fünf Filmen die Produkte einer bestimmten Marke zu rauchen. Auch „Superman“ kam nicht ohne Product Placement aus. Der entscheidende Kampf zwischen Gut und Böse entschied sich in „Superman II“ auf einem Marlboro-Lieferwagen.

In Deutschland fordern das Aktionsbündnis Nichtrauchen und die Deutsche Krebshilfe von Filmproduktionsfirmen eine freiwillige Verzichtserklärung, damit sie künftig davon absehen, „tragende Hauptrollen rauchend darzustellen“. Raucherrollen sollten ausschließlich Bösewichtern, Kriminellen und Verlierertypen zugesprochen werden. Die Fernsehserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ hält sich daran und wurde deshalb mit dem „Rauchfrei-Siegel“ ausgezeichnet.

Kein Orden, für den Georgette Dee in Betracht käme. Gesundheitliche Korrektheit? Pah! Die Chanson-Diva käme, zumindest was ihren Alkohol- und Nikotinkonsum auf der Bühne betrifft, glatt für einen Gastauftritt bei „Rat Pack“ in Frage – wo man auf das Thema Rauchen übrigens voll im Zeitgeist, also eher ängstlich reagiert: „Wollen Sie jetzt alle gegen uns aufhetzen?“

„The Rat Pack“ läuft im Schiller-Theater bis zum 26. Oktober. Tickets unter (01805) 601160. Der Onlinedienst meinberlin.de verlost täglich 3 mal 2 Freikarten für die Show: www.meinberlin.de /gewinnspiele/

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