Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

Fluido,

Christburger Straße 6, Prenzlauer Berg, Tel.: 44 04 39 02, geöffnet montags bis freitags von 20 bis 2 Uhr, samstags/sonntags bis 4 Uhr

Es ist nicht ganz einfach, in Prenzlauer Berg ein Refugium des elegant drinking zu finden. Hier dominieren die netten, harmlosen Bier-und-Buntdrinkbars für Touristen und Studenten. Das ist auch okay. Allerdings vermutet wahrscheinlich kaum noch ein Connaisseur eine herausragende Trinkstätte, wenn mal wieder der Name einer neuen P-Berg-Schänke fällt. Schon gar nicht, wenn sie „Fluido“ heißt, dann noch mit dem Zusatz „bar di notte“. Klingt wie „erleben Sie das Fluidum einer typischen Nachtbar“, oder wozu Werbetexter sonst noch fähig wären. Jedenfalls waren drinking man und compañera skeptisch, als sie sich an einem Freitagabend zur Christburger Straße durchkämpften. Doch die erste Überraschung lauerte schon am Eingang: Hier muss geklingelt werden. Na?! Sollte mit „bar di notte“ eher ein püffiges Amüsement gemeint sein? Da würde die compañera zur Suffragette!

Es ward geöffnet – und das drinking couple staunte noch mehr. Ein L-förmiger Raum tat sich auf, der vorne rechts zu einer Schwarzwand-Weinrotvorhang-Lounge ausbuchtet und den links, sozusagen am L-Strang, ein ewig langer Tresen durchzieht. Zwölf Meter, mit foot- und armrail, das ist für Berlin fast schon sensationell. Denn trotz jahrelangen Barbooms hat sich seltsamerweise nur eine kümmerliche Tresenkultur entwickelt. Dass dieses prägende Möbelstück mehr sein sollte als eine Abstellfläche für Gläser und Ascher, hat sich selbst in vielen besseren Bars nicht herumgesprochen. So wirken denn auch die meisten Theken eher preußisch-karg. Und die Drinks?

Jetzt folgte Überraschung Nummer drei. Die Karte implodiert vor lauter Cocktails und Spirituosen. Allein neun Gin-Marken, Sake-Drinks sowie diverse Absinth-Abarten (einige sogar ohne den penetranten Anisgeschmack) werden von den baristas des Fluido offeriert. Da ließen sich drinking man und compañera zu einer Art Testrausch hinreißen. Ein Sidecar (superb), ein Hurricane (sehr fruchtig, vielleicht fast schon ein wenig zu maracujalastig), ein Cocktail namens Charmante Verirrung (Absinth Sepis Dry, Heidelbeerlikör Mirtillo De Negri, sizilianische Zitrone und Blutorange: selbst für Absinth- Abstinenzler ein Genuss), ein Singapore Sling (klassisch und gut), ein Lights of Havana (angeblich low alcohol, mit Batida de Coco, Suntory Midori, Ananas, Zitrone, Soda) und zuletzt ein wuchtiger, wenngleich alkoholfreier Brazilian Bulldog (Waldfrüchtepüree, schwarze Johannisbeere, Cranberry, Grenadine). Ein netter Abend. Und es gab Nüsschen (aber leider kein Beistell-Glas Wasser).

Die schwarz gewandete Crew – zwei Keeper, zwei Keeperellas – wirkte rasch und nahezu wortlos. Fast wie Roboter. Also wo steckt in dieser „bar di notte“ die Italianità? Die sizilianischen Blutorangen können es nicht sein. Also müssen drinking man und compañera im Fluido noch viel trinken, um hinter die letzten Geheimnisse zu kommen. Soll schon recht sein.

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