Berlin : Kurzmeldungen

Markus Hesselmann

PRO

Die Deutschen sind ein folgsames Völkchen. Sie trennen ihren Müll und drängeln sich beim Brötchenkaufen nicht vor. Nur in zwei Fällen werden sie zu Anarchisten. Wenn es um ihre Hunde geht und um ihre Autos. Ihre Hunde lassen sie ungestraft auf den Bürgersteig scheißen. Ihre Autos rasen für den Sieg im täglichen Kampf um freie Fahrt für freie Bürger. Und wenn dann mal wieder jemand irgendwo ein Tempolimit ins Gespräch bringt – sei es 100 auf der Autobahn oder Schrittgeschwindigkeit in Wohngebieten –, dann ist das gleich ein Angriff auf ein verbrieftes Grundrecht. Jetzt hat eine Studie ergeben, dass man nachts schlecht schläft, wenn unterm Fenster Motoren aufheulen und Reifen ungebremst übers Pflaster knubbern. Das ist schlecht für die Gesundheit, weil man nicht recht zur Ruhe kommt. Klingt irgendwie vernünftig. Hätte man wahrscheinlich gar keine Studie dafür gebraucht. Doch der ADAC – auch der Autor dieses Beitrags ist gern mit dem Auto unterwegs und bekennt sich zu seiner Mitgliedschaft in dieser segensreichen Einrichtung – sieht sich reflexhaft verpflichtet, solche Erkenntnisse abzutun und stattdessen finanziell völlig utopische Forderungen nach raserfreundlichem Flüsterasphalt aufzustellen. Und ein Aspekt des Tempolimits bleibt in der Diskussion bislang außen vor: die zivilisierende Wirkung von Tempo-30-Schildern und entsprechenden Polizeikontrollen. Das erhöht die kriminelle Energie für Raser und senkt die Zahl der schweren Unfälle auf nächtlichen Pisten. Das ist dann doch auch sehr gesund.

CONTRA

Wer in der lärmgeplagten Brückenstraße in Mitte wohnt, für die nun Tempo 30 in der Nacht gilt, für den ist dies eine Wohltat. An solchen Problemstraßen muss etwas getan werden. Aber über die gesamte Innenstadt in der Nacht Tempo 30 zu verhängen, ist keine Alternative. Nicht nur, weil Autos nicht automatisch leiser werden, wenn sie langsamer fahren. Im Gegenteil – mancher Wagen röhrt erst richtig, wenn er konstant im zweiten Gang zur Langsamfahrt gequält wird. Dabei hat Berlin bereits jetzt in Wohngebieten so viele Tempo-30-Zonen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. Dort herrscht Ruhe, als lebte man im Grünen. Doch wenn die einen schlafen wollen, gehen in einer Millionenstadt die anderen noch längst nicht ins Bett. Viele Berliner müssen nachts zur Arbeit fahren, andere wollen vom abendlichen Vergnügen nach Hause kommen. Das ist selbstverständlich in einer Großstadt. Deswegen brauchen wir auch nachts schnelle Verbindungen durch die Innenstadt, vor allem in Berlin mit seiner riesigen Ausdehnung. Was nötig ist, ist Augenmaß und keine Regelwut. Wenn in den Hauptstraßen in den Nachtstunden Tempo 50 abgeschafft gilt, wird die ganze Stadt ausgebremst. Und wer soll das kontrollieren? Die Berliner werden kaum akzeptieren, dass sie auf dem vierspurigen Kaiserdamm bei leerer Strecke mit 30 Stundenkilometern dahinzuckeln müssen. Und die Polizei wird sich bedanken, ein solches nächtliches Tempolimit zu überwachen. Gerd Nowakowski

WAS MEINEN SIE?

Soll in der Innenstadt nachts Tempo 30 gelten?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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