Berlin : Kurzmeldungen

Annette Kögel

PRO

Das Klosterviertel muss ja nicht gleich nach Konstanzer Vorbild rekonstruiert werden. In der Stadt am Bodensee kommt man sich nämlich mitunter vor wie ein Alpinist, wenn man eines der mittelalterlichen Häuser betritt: Die historischen Bauten neigen sich schon so schräg, dass man in den Zimmern bergauf und bergab läuft. Und doch: Ein mittelalterliches Quartier mitten in der City ist ein wahrhaft charmantes Vorhaben. Endlich mal nicht dieses städtplanerische Einerlei mit der allzu gern genommenen Mischung aus Wohnungen, Gewerbe und Hotels. Schon viel zu viele Neubauten im Nachwende-Berlin erscheinen gesichtslos, wie hochgezogen nach einem allumfassenden Masterplan. Nein, wenn jetzt im Klosterviertel in der Mitte der Stadt nach historischem Vorbild und Grundriss wieder aufgebaut werden soll, muss das authentisch geschehen. Da dürfen die Planer keine halben Sachen machen. Seien wir doch mal mutig! Wenn kleine Parzellen mit Handtuchhäuschen, dann richtig. Da müssen Fachwerkbalken rein und Butzenscheiben! Viel Holz, viel Lehm, viel Ton, so rustikal wie möglich – nur so bekommt das Quartier einen eigenen Charakter. Und nicht so eine pseudo-historische Anmutung wie das mit Platten verunstaltete Nikolaiviertel. Die Berliner werden es lieben. Die Berlin-Besucher. Und auch diejenigen, die dort – so individuell wie an keinem anderen Ort – wohnen, leben, arbeiten. Schluss mit dieser Einheitsbrei-Bauerei mit Sandstein, Stahl, Beton und Glasfassade! Dann wären wir architektonisch über den Berg.

CONTRA

Es ist schon erstaunlich, bei welchen Seltsamkeiten die Berliner Stadtplanung angekommen ist: Da gilt es als Riesenerfolg und Beweis für zukunftsfähige Planung, dass Kleinstgrundstücke zu gigantischen Quadratmeterpreisen verkauft werden, nach dem Motto: Der Potsdamer Platz ist gegen die historische Mitte fast eine Billig-Gegend. Die neue Retro-Idee der Stadt-Denker Stimmann und Strieder ist auf historisch geschminkt, erinnert uns immer gern nach New York jettende Berliner an Brooklyn oder die Upper East Side und läuft darauf hinaus, mitten in Mitte ein Viertelchen zu schaffen, das wie der Hackesche Markt oder die Gegend nördlich der Friedrichstraße ein Publikum anzieht, das feine Fassaden goutiert und die Stadt im Bummeltempo oder aus dem Fahrradtaxi erlebt. Nur eins ist diese Stadtplanung nicht – zeitgemäß. Das Wort „modern“ wagt man sich in Berlin gar nicht mehr zu schreiben. Modern würde bedeuten: dem Tempo der Stadt in diesem Teil angemessen. Der Tatsache angemessen, dass Leute von vielen Seiten in die östlichen Stadtmitte kommen. Das muss nicht bedeuten, dass die hässliche Straßenschneise durch die östliche Mitte so bleibt wie sie ist. Doch kann es auch nicht bedeuten, dass Berliner Stadtplaner Ideen nur noch aus der Plankammer und dem Archiv beziehen. Einerseits Regierung, Senat und Behörden in Mitte, andererseits Flanieren und Konsumieren auf vergoldetem Pflaster allerdings im Dieselqualm der Touristenbusse? Lieber ein scharfkantiges Hochhaus und rauschenden Verkehr. Werner van Bebber

WAS MEINEN SIE?

Soll man in der Innenstadt nach mittelalterlichem Grundriss bauen?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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