Berlin : Kurzmeldungen

Wie feierte der Berliner das Weihnachtsfest? Immer mal anders. Im 18. Jahrhundert als riesiges Volksfest, mit Mummenschanz und Maskerade. Dann im trauten Kreis der Familie, aus dem die Händler ihn immer wieder hervorzulocken suchten. Ein Spaziergang durch die Jahrhunderte – als Einstimmung auf die Tagesspiegel-Weihnachtsserie Das Fest der goldenen Kartoffeln

Andreas Conrad

Alle Jahre wieder geht ein Aufstöhnen durch die Stadt. Die Reaktionen aufs unvermeidliche Ritual reichen von Desinteresse über Naserümpfen bis zu enthusiastischem Mitfeiern. Letzteres wird nur von einer Minderheit praktiziert, die Mehrheit steht beiseite und denkt sich: Karneval? Hier bei uns?

Die Berliner waren freilich Mummenschanz und Maskerade nicht immer abgeneigt. Noch Friedrich Wilhelm I. erregte sich über solche „Ahlfanzereien“ und untersagte 1739 die regelmäßig auf hiesigen Straßen sich zeigende Kostümierungssucht der Untertanen. Schon 60 Jahre zuvor hatte sich ein Konrektor des Cöllner Gymnasiums über Jungen und Mägde mokiert, die „mit Spießen und Stangen, mit vielen Schellen, mit großem Geschrey und Klatzschen der Peitsche“ umherzogen. Und wie muss es erst im Mittelalter gewesen sein, als Jahr für Jahr ausgelassene, kostümierte Menschen die Stadt unsicher machten. Immerhin, das Treiben reichte nicht vom 11.11., 11 Uhr 11, bis Aschermittwoch, sondern war, als volkstümliche Variante der alten Mysterienspiele, zeitlich streng begrenzt – auf Weihnachten.

Anderes war früher offenbar wie heute, etwa die Verquickung von Christfest und Kommerz. Der Chronist Heinrich W. Seyfried resümierte um 1790 das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt an der Breiten Straße: „Man muss dem berlinischen Erfindungsgeist eingestehen, dass er alle Kunst angewendet hat, den Käufern das Geld aus dem Beutel zu locken.“

Wandel und Beständigkeit – das Berliner Weihnachtsfest liefert zu diesem Dauerthema Stoff in Fülle. Gleich zwei Bücher sind daraus entstanden, eines von Kaija Voss als Querschnitt durch die Jahrhunderte, eines von Rosemarie Köhler begrenzt auf die Zeit von 1945 bis 1989. Das zielt aufs anstehende Festgeschäft, kann sich aber zugleich auf manche Berliner Besonderheiten wie auch einen prominenten Weihnachtsenthusiasten berufen. Schon vor über 100 Jahren nämlich schrieb Alfred Kerr: „Zwanzigmal im Jahr fasst man den Plan, nach Italien durchzubrennen. (…) Aber einmal im Jahr will mit keinem anderen Ort tauschen, wer so glücklich ist, in Berlin zu leben. Das ist zu Weihnachten.“

In den meisten Festbräuchen, die im Laufe der Jahrhunderte in Berlin in Mode kamen und wieder in Vergessenheit gerieten, spiegelt sich natürlich der stadt- und landesübergreifende Wandel auf religiösem, sozialem, politischem, kulturellen Gebiet. Ja, sogar der brandenburgische Ackerbau hat seine Sputen hinterlassen. Bekanntlich konnte Friedrich II. Mitte des 18. Jahrhunderts seinen Untertanen die Kartoffel schmackhaft machen, mit unerwartetem Nebeneffekt, wie eine Berliner Postille 1755 berichtete: „Als ein lächerlicher Nutzen der Erdäpfel wird beigefügt, dass in hiesigen Gegenden manche Leute um die Weihnachtszeit grüne Fichten in die Stuben bringen und selbige mit vergoldeten Erdäpfeln putzen lassen, um den Kindern eine Gestalt von Paradiesäpfeln vorzuspiegeln.“ Und dabei war doch Seiner Majestät die neue grüne Unsitte gar nicht recht, sondern dünkte ihr als eine Art Forstfrevel.

In dem glitzernden Kartoffelschmuck für die gute Stube deutete sich der grundlegende Wandel an, den das Weihnachtsfest in den folgenden Jahrzehnten durchlief und der seinen Höhepunkt im Biedermeier hatte: weg vom öffentlichen Volksfest, hin zur privaten Feier im Kreise der Familie. Eine Trennung, die mit der zunehmenden Vermarktung des Weihnachtsfestes zugleich immer fragwürdiger wurde – ein nicht nur in Berlin feststellbarer Widerspruch. Doch hatte die Stadt, denkt man nur in Jahrhundertspannen, vor noch gar nicht so langer Zeit ihre mit keinem anderen Ort der Welt geteilten Reize. Man erinnere sich nur an die Fahrt durch den verschneiten Grunewald, von der Avus auf dem Hüttenweg gen Zehlendorf. Gleich hinter dem Waldesrand, hinter dem Kasernenzaun der Amerikaner, stand ein alter Panzer, geschmückt mit einem bunt glitzernden Tannenbaum. Das vergisst man nie.

Kaija Voss: Berliner Weihnacht. be.bra Verlag, Berlin 2003. 160 Seiten, 80 teils farbige Abbildungen, 16,90 Euro; Rosemarie Köhler: Weihnachten in Berlin 1945-1989. Ein Erinnerungsbuch mit vielen Abbildungen und Berichten von Zeitzeugen. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2003. 180 Seiten, 19,90 Euro

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