Berlin : Kurzmeldungen

Sigrid Kneist

PRO

Ein guter Zirkus braucht sie nicht: die exotischen, wilden Tiere. Roncalli ist das beste Beispiel dafür. Dort kommt man schon seit Jahrzehnten ohne Löwen, Tiger, Panther oder auch Elefanten aus. Wenn dabei auch nicht der Tierschutzgedanke im Vordergrund steht, hat man ganz bewusst auf diese Nummern verzichtet. Der Erfolg gibt Roncalli recht. Kein anderer Zirkus schafft es, so viele Zuschauer in seinen Bann zu ziehen und zu verzaubern. Es ist Zirkusstimmung pur, niemand vermisst die gefährlichen Tiere, die meist ja auch nicht wirklich gefährlich daherkommen. Allein der Gitteraufbau ist oft schon ein Rausschmeißer. Wenn die Raubkatzen dann ziemlich lustlos durch den Käfiggang schleichen und auf ihrem Podest allenfalls mal das Maul aufreißen, damit der Dompteur sein Haupt hineinlegen kann, haut das in der Regel niemanden mehr von seinem Sitz. Den richtigen Thrill erhält dadurch niemand mehr. Raubtier- oder Elefantennummern sind einfach überholt.

Dies allein ist noch kein Grund, die Tiere aus den Zirkussen zu verbannen. Viel wichtiger ist, dass sie in den mobilen Käfigwagen nicht ansatzweise artgerecht gehalten werden können. Vernünftiger Auslauf an immer wechselnden Standorten ist sowieso nicht drin. Großen Zirkussen mag es vielleicht gelingen, die amtlichen Tierschutzbestimmungen einzuhalten. Damit sind dann allenfalls Minimalstandards erreicht, die noch lange kein Garant für ein glückliches Tierleben sind. Kleine Unternehmen können nicht mal das gewährleisten.

CONTRA

Was der Bundesrat da in einer Aufwallung von verständlicher Tierliebe beschlossen hat, ist in Wirklichkeit das Ende eines Lehrstücks über die Strategie radikaler Tierschützer. Mögen ihre langfristigen Ziele – „totale Befreiung der Tiere“ fordert die Peta-Chefin Newkirk – auch noch so menschenfeindlich sein, so wirken diese Gruppen doch längst bis in den Mainstream der Politik. Es ist immer das Gleiche: Mit einer gewissen Berechtigung wird ein Missstand angeprangert, man erreicht gewichtige Verbesserungen, doch damit ist die Kampagne nicht etwa beendet, sondern fängt erst richtig an. Denn wenn die Aktivisten ein Opfer erst einmal gepackt haben, lassen sie es nicht mehr los. Zweifellos hat es früher Probleme bei der Haltung von Zirkustieren gegeben, da und dort gibt es sie immer noch. Das wäre eine Sache für die Amtsveterinäre und die Polizei. Statt dessen gerät die gesamte Zirkuswelt ins Visier, und die vielen profunden Tierkenner und ehrlichen Tierfreunde, die es gerade dort gibt, müssen sich als Tierquäler beschimpfen lassen und zusehen, wie man sie ihrer Existenzgrundlage beraubt. Dabei hilft es ihnen wenig, dass ein berühmter Betrieb wie Roncalli ohne Wildtiere auskommt. Der gilt nicht ohne Grund als unnachahmlich, und niemand zahlt Eintritt, um umgeschulte Raubtierpfleger als Pantomimen in einer schlechten Roncalli-Imitation zu sehen. Vielleicht geht irgendetwas mit Hunden und Katzen? Machen wir uns nichts vor: Sobald das einen gewissen Erfolg hat, stehen längst wieder Tierschützer mit der Moralkeule vor der Manege. Bernd Matthies

WAS MEINEN SIE?

Sollen wilde Tiere im Zirkus verboten werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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