Berlin : Kurzmeldungen

David Ensikat

PRO

Danken wir Fertigstudierten dem Herrn für die Gnade der frühen Geburt (Helmut Kohl, der einst die Sache mit der Spätgeburtsgnade populär machte, hat 16 Semester in überschaubaren Seminaren studiert)! Verschwommen kann ich mich noch an die Streikaufrufe erinnern, die auch mir galten, damals, als alles noch so schön war an den Berliner Universitäten. Wie viele Jahre ist das her? Sechs? Acht? Jedenfalls waren die unhaltbaren Zustände, denen Streiks damals galten, noch überaus idyllisch. Klar, die Seminare waren überfüllt, die Professoren hatten keine Zeit, aber was soll’s? Man hatte seinen Studienplatz, und auch einen in der Bibliothek. Da war es leicht, die Streikaktivisten in ihrer Erregung zu belächeln. Alles halb so wild, dachten wir, die Streik brechende Mehrheit. Wahrscheinlich war das damals schon falsch. Heute aber wissen wir: Tatsächlich, es geht auch doppelt so schlimm. Mindestens.

135000 Studenten gibt es in Berlin, und wir alle finden: Toll, die wollen was lernen, die sind unsere Zukunft. Können ja nicht alle Stahlarbeiter werden, wo es in der Berliner Stahlbranche so wenig zu tun gibt. Berlin bezahlt ganze 85000 Studienplätze und demnächst nur noch 75000. Neunzig Professoren soll jede der drei Universitäten einsparen. Neunzig! Die 500 Euro, die ein Langzeitstudent im Semester zahlen soll, sind schon verplant – nein, nicht für Kopien und wissenschaftliche Mitarbeiter – für Haushaltslöcher! Studenten mit dem Pech der späten Geburt! Seid klüger als wir es waren. Protestiert!

CONTRA

Dass die Studenten protestieren, ist so berechtigt wie das Jammern über Muskelkater. Der tut nun einmal weh. Auch die Kürzungen an den Universitäten sind schmerzhaft. Aber genauso wenig wie sich Muskelkater vermeiden lässt, wenn man körperlich fit sein will, kommt man um Streichungen herum, wenn man den Hochschulen eine Zukunft geben will. Denn die Kürzungen könnten der erste Schritt zu einer Reform sein. Je schneller und radikaler das alte System verändert wird, umso eher könnten die Studenten auch in Berlin effizient studieren und müssten nicht auswandern – zum Beispiel nach Amerika. Dort sind die Seminare klein und die Bemühungen der Professoren um jeden groß, nicht umgekehrt wie hier. Dort haben die Hochschulen und Studiengänge Profile, nicht jeder Professor ist verbeamtet. Das ist teuer und allein mit staatlichem Geld nicht zu erreichen. Die Studenten müssen dafür zahlen, und zwar viel. Wer gut ist, aber kein Geld hat, bekommt in Amerika ein Stipendium oder geht zur Bank und nimmt einen Kredit auf. Die Banken wissen, eben weil die Universitäten so gut sind, dass die Studenten die künftige – zahlungskräftige – Elite sind. Wenn es gelingt, die Banken davon auch hier zu überzeugen, dann nähme die Angst vor Studiengebühren ab. Das alles ist durch bloßes Streichen von Stellen und Fachbereichen nicht zu haben. Aber mit den Protesten auch nicht. Hätten die Studenten damit Erfolg, bliebe alles beim Alten – außer ein paar Schönheitsreparaturen. Das kann sich niemand ernsthaft wünschen. Claudia Keller

WAS MEINEN SIE?

Sind die Proteste der Studenten berechtigt?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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