Berlin : Kurzmeldungen

Claudia Keller

PRO

Berlin lebt von seiner Geschichte. Touristen suchen in Mitte nach Mauerresten und im Tacheles nach der alternativen Szene. Und überall nach den Zwanziger Jahren. Zu dem Mythos, nach dem sich die Hauptstadt damals noch schneller drehte als heute, gehört auch die Avus. Heute erinnern an die legendäre Rennstrecke leider nur noch ein paar traurige Tribünen. Aber selbst die beflügeln noch die Fantasie: Wie war es wohl, als hier Fritz von Opel auf seinem Raketenwagen vorbeisauste, als sich hier schöne Männer in Bugattis, Alfas und Silberpfeilen jagten? Warum also nicht die Tribünen renovieren, ein paar weitere dazubauen und Oldtimer-Rennen veranstalten? Man sollte es nicht übertreiben und sich auf einmal im Jahr beschränken. Aber dann richtig: als Avus-Festspiel – mit Filmprogramm in den Kinos, mit Schlagern aus den Zwanzigern, Tanztees und Empfängen. Nicht der Sport würde im Vordergrund stehen, dafür fahren die Leute zum Nürburgring, sondern das gesellschaftliche Ereignis. Und die Romantik. Unter den Oldtimer-Freaks und Autofirmen gäbe es sicherlich finanzstarke Sponsoren.

Die Lage wäre allemal günstig: nahe an der Innenstadt und trotzdem so weit draußen, dass sich keine Anwohner gestört fühlen. Berlin will Touristen in die Stadt holen, und die sind süchtig nach den Zwanziger Jahren. Berlin braucht deshalb jeden Ort, an dem man zumindest ab und zu das Flair dieser Zeit spüren kann. Und der den Mythos Berlin in die Welt trägt.

CONTRA

Der Tag darf nicht kommen, an dem der FDP-Abgeordnete Klaus-Peter von Lüdicke im blau-gelben Oldtimer die Avus rauf und runter flitzt. Er hat schon so genug Staub aufgewirbelt mit seinem Vorschlag, in Berlin wieder Autorennen zu veranstalten. Und dann noch auf dieser blödsinnigen Strecke: Start – lange Gerade, Spitzkehre, lange Gerade zurück, Spitzkehre – Ziel. Wer soll sich das anschauen, wer will sich das antun? Selbst den Liebhabern alter Autos wird das Herz nicht höher schlagen, wenn diese stinkend und röhrend den nahe liegenden Grunewald verpesten. Mit der einzigen Anforderung an die Fahrer, das hölzerne Lenkrad gut festhalten zu können. Im Technik-Museum stehen blank geputzte Oldtimer massenweise herum. Dort stehen sie richtig und sind schön anzuschauen. Es wäre auch nichts gegen einen Oldtimer-Korso auf dem Kurfürstendamm einzuwenden. Von der Joachimstaler Straße bis Halensee, aber was sollen die alten Teile auf der Avus? Den Tourismus ankurbeln? Das ist doch lachhaft. Fans, die ein richtiges Autorennen genießen wollen, reisen nach Hockenheim oder an den Nürburgring. Nicht einmal in die Lausitz. Berlin ist nicht Monaco. Oder will die FDP klammheimlich den Weg bereiten für Formel-1-Rennen auf der Ku’damm-Busspur, verlängert durch eine Schleife rund um die Gedächtniskirche? Das jüngste Skispringen am Brandenburger Tor kam auch nicht so gut an. Berlin ist toll, muss aber nicht alles haben. Ulrich Zawatka-Gerlach

WAS MEINEN SIE?

Soll es auf der Avus wieder Autorennen geben?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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