Berlin : Kurzmeldungen

Was tun, wenn es unterm Tannenbaum zu öde wird? Wir geben ein paar Tipps gegen die Festtags-Langeweile. Und fangen mit Gregor Gysi an, der im Konzerthaus vorliest Zeit für große Märchen

Jan-Martin Wiarda

Noch eine Woche bis Heiligabend: So langsam wird es Zeit, sich Gedanken zu machen, was man zu den Festtagen unternehmen will. Für Menschen, die nicht nur unterm Tannenbaum sitzen wollen, hat der Tagesspiegel ein paar Tipps zusammengestellt (siehe unten stehende Texte). Aufs Fest einstimmen kann man sich schon am 23. Dezember, und das ausgerechnet mit PDS-Ikone Gregor Gysi.

Das hat er noch nie gemacht, zumindest nicht offiziell: Gysi gibt den Geschichtenerzähler. Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“ steht auf dem Programm im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Das Märchen von dem kleinen Jungen, der Ente, dem Vogel und dem bösen Wolf habe es ihm angetan, sagt der Ex-Wirtschaftssenator und Ex-PDS-Vorsitzende. Weihnachtlich-sentimental sei sie und passe insofern gut zur Jahreszeit. Gregor Gysi sei wiederum eine hervorragende Besetzung für die Rolle des Geschichtenerzählers, findet umgekehrt das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt (Oder), das den vorweihnachtlichen Abend am 23. Dezember musikalisch gestaltet.

Gysi hat mit der Materie schon so einige Erfahrung: In erster Linie nicht als Politiker (die ja auch gerne mal Geschichten oder – wenn nötig – sogar Märchen erzählen), sondern vielmehr als Vater. Seine inzwischen siebenjährige Tochter hat bereits häufiger Gysis Erzählkünste herausgefordert. Grimms Märchen stehen da ganz oben auf dem Vorleseprogramm. „Die haben mir schon als Kind gefallen“, sagt Gysi. Allerdings hat sich sein Blickwinkel auf die Geschichten von Schneewittchen & Co. ein wenig geändert hat: „Die Brutalität hat mich früher weniger gestört als heute.“

Als Ausgleich greift Papa Gysi dann zu „Paul allein auf der Welt“, einem dänischen Kinderbuch, das es ihm und dem Nachwuchs angetan hat. Das handelt vom kleinen Paul, der aufwacht, und plötzlich ist er der einzige Mensch weit und breit. Was er zunächst toll findet mit all den Straßenbahnen, Feuerwehrautos und Flugzeugen zu seiner freien Verfügung, doch nach einer Weile merkt er, dass das Leben ganz schön öde ist so ganz allein.

Vor deutlich größerer Runde erweitert Gregor Gysi nun also sein Vorleserepertoire um Prokofjews Märchen, in dem der kleine Peter mit einer List und der Hilfe des Vogels den bösen Wolf fängt, der zuvor die Ente bei lebendigem Leibe verschlungen hat. „Das ist eine schöne Musikeinführung für Kinder“, sagt Gysi, der einst bei der PDS die erste Geige spielte. „Sie lernen, was es für Instrumente gibt, sie lernen genau hinzuhören und das alles mit Fantasie zu verbinden.“ Auch der leicht anarchische Touch gefällt dem Erzähler offensichtlich. Die Moral an der Geschichte sei ja, dass sie keine Moral habe, findet er. „Das hängt wahrscheinlich mit der Zeit zusammen, in der Prokofjew sie geschrieben hat.“ Eine Zeit der pädagogischen Zeigefinger sei das gewesen. Doch Prokofjew habe nicht belehren wollen. „Ich finde das ganz angenehm. Man kann einfach zuhören und muss nicht großartige Schlussfolgerungen für das eigene Leben ziehen.“

Dass Politiker Geschichten vorlesen, hat übrigens Tradition. Bill Clinton hat sich lange vor Gysi an „Peter und der Wolf“ versucht, genau wie Michail Gorbatschow. Auch Nicht-Politiker sind unter den notorischen Geschichtenerzählern: Loriot zum Beispiel hat „Peter und der Wolf“ bereits seinen Stempel aufgedrück. Gysi versichert indes, dass sein Ausflug in die Welt der Märchen vorerst eine Ausnahme bleiben wird. „Zu meinem neuen Beruf mache ich da sicher nicht“, sagt er. „Aber einmal im Jahr kann man das schon tun.“ Einmal im Jahr könnte heißen: nächstes Jahr wieder.

Romantisches Konzert zum Weihnachtsabend für Kinder und Erwachsene, 23. Dezember, 19 Uhr, Konzerthaus Berlin, Karten unter Telefon 34902521 und im Internet unter www.weihnachtsabendkonzert.de

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