Berlin : Kurzmeldungen

Markus Hesselmann

PRO

Unkonventionelle Vorschläge werden in Deutschland oft und gern niedergebrüllt. Zumal dann, wenn sie nicht ins wohlfeile linksliberale Weltbild passen. Das war bei der Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen so, bei der Fußfessel für notorische Schulschwänzer, und bei der Idee einer nächtlichen Ausgangssperre für Kinder ist es jetzt wieder so. Sich rasch mal öffentlich zu empören ist ja auch allemal billiger, als erst einmal über eine Idee nachzudenken. Oder vielleicht mal bei Freunden nachzufragen, wie sie es eigentlich mit dieser Frage halten. Dann sehen wir nämlich schnell, dass der Vorschlag des CSU-Generalsekretärs Markus Söder gar nicht so hanebüchen ist, wie er jetzt dargestellt wird. In den USA, in Frankreich, in Belgien sind solche Regelungen völlig normal – alles Länder, die nicht im Verdacht stehen, dass dort morgen der Orwellsche Überwachungsstaat ausgerufen wird. In Berlin muss die Staatsanwaltschaft, wie der Tagesspiegel vor kurzem berichtete, jetzt schon auf die 13-Jährigen achten, weil die Ankläger wissen, dass da Kandidaten auf die neue Intensivtäter-Abteilung der Justiz zukommen. Wer sich in Bezirken wie Neukölln oder Wedding auskennt, der weiß, dass dort abends viele Kinder unbeaufsichtigt herumlungern. Von ihren Eltern allein gelassen, gelangweilt, erliegen sie leichter dem Reiz der Jugendgangs. Wenn die Polizei solche Kinder aufgreift, hat sie derzeit noch keine Handhabe gegen die Eltern. Eine neue Regelung würde hier Abhilfe schaffen.

CONTRA

Kindern zu sagen, wann sie auf der Straße nichts mehr zu suchen haben, ist erst einmal Sache der Eltern. Mamas und Papas, denen es egal ist, wo ihre Sprösslinge den späten Abend verbringen, sollten sich selbst ein paar Tage Ausgehverbot erteilen. Um in Ruhe zu überlegen, was Erziehung und Fürsorge bedeuten. Dazu sind viele Eltern leider nicht mehr in der Lage. Weil sie gleichgültig oder überfordert sind. Weil ihnen die Kinder über den Kopf wachsen. Weil manche Halbwüchsigen ihre Probleme sogar in kriminelle Energien umwandeln, die die Familie nicht mehr in den Griff bekommt. In diesen Fällen brauchen Mütter und Väter wohl Hilfe von außen, aber zu allerletzt von Polizisten, die Kinder in der Nacht von der Straße pflücken und im Streifenwagen nach Hause fahren. Die Polizei hat andere Aufgaben; sie wäre mit einem Kindernotdienst ab 20 Uhr auch hoffnungslos überfordert. Zumal verwahrloste Heranwachsende nicht nur abends, sondern rund um die Uhr Probleme machen. Wer kümmert sich denn tagsüber um sie? Schwer sozialisierbare Intensivtäter im Kindesalter, mit denen sich Polizei und Justiz befassen müssen, sind selbst in der Millionenstadt Berlin eine Ausnahmeerscheinung. Den übrigen Sorgenkindern können Streetworker, Familien- und Erziehungshelfer beiseite stehen. Auch wenn die Hilfe oft nicht ausreicht. Und die ganz normalen Nervensägen bis 14 Jahre dürften in ihren Familien und in der Schule einigermaßen gut aufgehoben sein. Ulrich Zawatka-Gerlach

WAS MEINEN SIE?

Nächtliches Ausgehverbot für Kinder unter 14 Jahren?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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