Berlin : Kurzmeldungen

Jörn Hasselmann

PRO

Tempo 30 hat viele Vorteile – nicht nur Unter den Linden: Es wird leiser und es wird sicherer. Davon profitieren alle, vor allem Touristen, die auf dem Mittelstreifen des Boulevards in Ruhe ihren Kaffee genießen oder auf den breiten Bürgersteigen flanieren. Fußgänger müssen sich nicht mehr vor heranrasenden Autos fürchten, wenn sie die (zu breite) Fahrbahn überqueren wollen. Radfahrer können ungefährdet bei Tempo 30 im Verkehr mitschwimmen. Der Nachteil? Autofahrer sind etwa fünfeinhalb Sekunden länger unterwegs zwischen Pariser Platz und Schlossplatz. Besonders problematisch ist die heutige Situation zwischen Staatsoper und Humboldt-Uni: Die 100 Meter breite Asphaltschneise trennt die beiden Straßenseiten stärker als ein Zaun. Die Fahrbahnen sind derart breit, dass sie zum Rasen regelrecht verführen, und wer einmal auf Tempo 70 ist, bleibt auch dabei. Nicht nur die Verkehrspolizei meint, dass das Durchschnittstempo in der Stadt viel zu hoch sei – nur die wenigsten Autofahrer begreifen, dass es schwachsinnig ist, mit Vollgas auf die rote Ampel zuzubrausen, um wenige Meter davor abrupt und mit rauchenden Bremsen zu stoppen. Das klingt übertrieben? Kaum. Denn nur wenige Berliner beherrschen, was Verkehrsexperten eine „vorausschauende Fahrweise“ nennen, also auf Kavalierstarts zu verzichten und rollen zu lassen, um Sprit zu sparen. Tempo 30 motiviert zu einem ruhigeren Fahrstil, das zeigt sich in Ländern mit Tempolimits. Tempo 30 nützt der Stadt und ihren Menschen.

CONTRA

Unter den Linden – das sind Staatsoper, Humboldt-Universität, Kommandantur, Schinkels Neue Wache, das ist Studenten- und Touristenrevier. Da ist es von früh bis spät voll, erst nachts wird es ruhiger. Und weil es von früh bis spät voll ist, fließt der Verkehr dort langsam bis gar nicht. Wenn einer der ungezählten Reisebusse wenden will, wenn Autos in die Seitenstraßen abbiegen wollen, aber nicht zwischen den Fußgängern durchkommen und es deshalb zum Rückstau kommt, wenn die Autos, die den Boulevard auf der Friedrichstraße queren, nicht ganz über Kreuzung kommen und so weiter. Das Tempo auf der Straße Unter den Linden richtet sich die längste Zeit des Tages nicht nach Hinweisschildern, sondern nach dem Möglichen. Erst nachts kommt man zügig auf den drei Spuren pro Richtung vorwärts. Und dann soll man 30 fahren? Das ist Unsinn, das ist lediglich eine Gängelung der Autofahrer. Ja, Autos machen Lärm und stinken, und in Wohngebieten oder Kneipenvierteln ärgert und stört nächtlicher Verkehr viele Menschen. Deshalb sollte er dort vermieden werden. Aber Unter den Linden ist nachts nichts los. Da sind keine Touristen, keine Studenten, da ist kein Laufpublikum. Da gerät keiner unter Stress, wenn Autos 50 km/h fahren, da stört sich keiner an dem Lärm. Die wenigen Anwohner, die es dort gibt, haben erstens sicher dicke Fenster und zweitens gewusst, wo sie sich niederlassen. Einer von ihnen ist übrigens der ehemalige Mercedes-Chef Edzard Reuter, den Motorenlärm kaum stören wird. Ariane Bemmer

WAS MEINEN SIE?

Soll auf der Straße Unter den Linden Tempo 30 eingeführt werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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