Berlin : Kurzmeldungen

Sie ist keine Cineastin, geht aber gern ins Kino. Für das ARD–Morgenmagazin sendet Entertainerin Anke Engelke von der Berlinale – und zieht jeden in den Bann Frühe Anke fängt den Star

Joachim Huber

Alle wollen von Anke Engelke nur das Eine. Was wird die Entertainerin bei Sat 1 machen, um Harald Schmidt als Late Night Talker vergessen zu machen? Aber das genau ist die eine Frage, die Engelke nicht hören will. „Meine Zukunft? Die kenne ich doch selber nicht!“ Außerdem hat sie jetzt gar keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten, Anke Engelke arbeitet für das ARD-Morgenmagazin als Berlinale-Reporterin, jeden Morgen in dieser Woche und bis Freitag. Das ist harte, sehr harte Arbeit. Als der Reporter am sehr frühen Morgen ins provisorische Hotel-Hyatt-Studio kommt, steht die Engelke schon am Moderationstisch und spricht ihren Text für den Beitrag über den Film „The Machinist“ ein. Engelke, das ist diese unerhört professionelle Fernsehfrau, die gleichzeitig einen Latte Macchiato trinkt, Zigarette raucht, Mikrofon hält, Text spricht, Film guckt, das Team anfeuert („Was ist denn das für ’ne Probe, Ihr Kiffer?!“), den Freund knuddelt und mit den Stiefelhacken auf den Saum der Marlene-Dietrich-Hose tritt. Dann wirft sie den Mantel über für die erste Anmoderation unterm bedeckten Berliner Himmel, hetzt wieder rein, reißt den Mantel runter und stoppt neben Anne Will, „Tagesthemen“-Moderatorin und sehr überlegte, ernste Kritikerin für den Film „Before Sunset“ mit Julie Delpy und Ethan Hawke. Auch dieses Gespräch ist kurz vorher geprobt worden. Eine Mitarbeiterin des WDR-Teams baut sich dort auf, wo Anne Will stehen wird, und wird von der Engelke vorgestellt: „Bei mir ist die Ex von Ulrich Wickert – Anne Will.“ Die Journalistin nimmt’s sehr gelassen, die übrige Runde mit Heiterkeit.

Was der mit überreichem Fernsehtalent ausgestatteten Anke Engelke nicht nur hier, sondern bei allen Berlinale-Auftritten gelingt: Sie erschafft ohne jede Aufregung („kenn’ ich nicht, schon gar nicht bei diesem wunderbaren Team“) eine besondere, witzgeladene Situation, sie ist spontan und kann sich auf diese Gabe verlassen. Ob groß, klein, Mann, Frau, Herr Niemand oder Frau Ganzgroß: Engelke zieht sie in ihren Anke-Bann, in eine Atmosphäre, die niemanden preisgibt.

Es ist gar keine Frage, dieses journalistische Sendeformat macht der 38-Jährigen Spaß, richtigen Spaß. Dieses Auf-den- Punkt-präsent-Sein wird von der Fernsehfrau in eine kraftvolle Geste übersetzt: Die rechte Handkante saust in die linke Hand, die sofort zuklappt. Zack, sitzt und hat keine Luft mehr. Den Gesprächspartnern nimmt sie die Kamerascheu, sehr wichtig auch bei den vier Gastreportern, die von der „Moma“- Redaktion aus der Mitte des Publikums als „Der Bulle und die Mädchen“ gecastet wurden. Der Ein-Minuten-Film der drei Frauen Ingrid, Doris und Nadine (ja, das ist eine Berlinale der Frauen) sowie des Polizisten Andreas wird in der Freitagssendung dann von Berlinale-Chef Dieter Kosslick kritisch gewürdigt.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ist eingetroffen, auch er als Gastkritiker. Er wollte über einen Film reden, sehr gerne mit einem schwulen Aspekt oder mit Berlin-Bezug. „Was nützt die Liebe in Gedanken“ bietet beides, „nicht leicht verdaulich“ meint der Regierende, um dann vom Drehort am Motzener See zu schwärmen, „ganz in der Nähe meines Golfclubs“. „Wunderbar“, sagt da die Engelke, „da laufe ich auch immer mit meinem Caddy rum.“

Stress, nix als Stress. Zwei Mal meldet sich Engelke während des Morgenmagazins vom Potsdamer Platz, an die 25 Minuten dauern die Live-Schaltungen. Spontaneität ist vieles, Vorbereitung alles: Die Redakteurinnen arbeiten von 5 Uhr 30 morgens bis ein Uhr nachts, das ist mehr als kräftezehrend, der Cutter der Sendung sieht schon ganz durchsichtig aus. WDR-Redakteurin Britta Windhoff schickt den jungen Kollegen ins Bett. Sie ist sehr unzufrieden mit dem Himmel über Berlin: „Beim Kinogehen ist Schneegestöber ja egal, aber wir brauchen trockenes Wetter, damit die Stars auch über den roten Teppich laufen.“ Könnten übrigens mehr Stars sein, meint Britta Windhoff und macht sich schon Sorgen über die 55. Internationalen Filmfestspiele 2005 in Berlin. „Sollte die Berlinale um eine Woche verschoben werden, dann fällt sie nicht mehr in die ,Moma’-Woche der ARD, sondern des ZDF.“ Und überhaupt: Bleibt Engelke als Berlinale-Reporterin? Großes Rätselraten, was wird, wenn die Entertainerin von Mai an bei Sat 1 in die Late-Night-Rolle geschlüpft ist. Hape Kerkeling soll schon mal Interesse souffliert haben. Alles Zukunft, jetzt ist Berlinale 2004. Für Engelke und Team das volle Programm – Filmvorführungen, Gespräche, Partys, roter Teppich, Interviews, Engelke sagt, sie bewege sich wie „ferngesteuert“. „Da gehst Du rein“, laute der Redakteursbefehl, „vier Filme am Tag“, das muss schon sein. Die Engelke nimmt’s sehr ernst, was die Berlinale-Reporterin macht: „Die Filme, über die wir reden, die habe ich auch gesehen.“ Mit leiser Stimme, „es ist ja erst Berlinale-Mittwoch“, nennt sie ihren Favoriten: das Dänen-Werk „Forbrydelser“ (In Deinen Händen). „Ich bin keine Cineastin, aber ich gehe wahnsinnig gerne ins Kino.“ Sagt’s, packt zusammen und rennt schon wieder los. „Maria“ wartet schon.

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