Berlin : Kurzmeldungen

Nicht mal Robbie Williams wird sie je einholen: Die „Kastelruther Spatzen“ haben schon acht Echo-Musikpreise – und am Samstag sind sie wieder nominiert. Ein Spatz erzählt „Wir haben auch Sexappeal“

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Herr Groß, die wichtigste Frage zuerst. Warum heißen die Spatzen eigentlich Spatzen?

Die heißen deswegen so, weil wir damals, als wir angefangen haben, ganz große Idole hatten, die sich Tiroler Spatzen nannten. Und dann gab’s noch die Viller Spatzen. Auch sehr erfolgreich. Die hatten echte Hits. Denen wollten wir ein bisserl nacheifern.

Nicht viele Männer-Bands würden sich freiwillig Spatzen nennen.

Na ja, das hat nichts mit Tieren zu tun. Das hat mit Singen zu tun. Und dann waren wir ja 1977 noch junge Burschen. Das hat man ja nicht bedacht, damals, dass sich das alles mal so ausweiten würd’. Wir waren nur eine kleine Band und haben auf Wiesenfesten gespielt.

Erzählen Sie von Kastelruth.

Das ist unsere Heimat. Sechs von uns sieben kommen von da und leben auch da. Wir kennen uns noch aus der Musikkapelle im Trachtenverein. Kastelruth ist ja ein kleiner Ort. 1300 Kastelruther.

Ein stiller Ort also?

Nicht im Sommer. Dann sind mehr Touristen da als Hiesige. Wir haben 2000 Fremdenbetten dort. Kastelruth liegt nämlich sehr schön, auf einem Hochplateau am Fuß der Seiser Alm, das ist die größte Hochalm Europas mit 54 Quadratkilometern. Und all die schönen Berge! Vom Wohnzimmer aus schau ich auf den berühmten Schlern. Das ist der Kastelruther Hausberg. Der bewacht uns.

Im Herbst, wenn Sie in Kastelruth das alljährliche Spatzenfest geben, müssten Sie eigentlich das größte Bierzelt Europas aufbauen, um fast 50 000 Fans unterzubringen, Sie haben zwölf Millionen Platten verkauft, mehr als 750 Titel eingespielt und achtmal den zweitwichtigsten Musikpreis der Welt gewonnen – wird man da nicht größenwahnsinnig?

Nee. Wir sind eigentlich bekannt für unsere Bodenständigkeit. Wir geben etwa 100 Konzerte im Jahr – da bleiben mindestens 200 Tage zu Hause. Jeder von uns versucht, so gut es geht, noch einen anderen Beruf auszuüben. Ich hab noch ein Hotel und führe den Getränkegroßhandel meiner Eltern weiter. Der Norbert Rier, unser Frontsänger, ist Landwirt und hat eine Pferdezucht.

Es gibt viele, die halten Volksmusik für Kitsch. Was würden Sie denen antworten?

Dass sie noch nie eine unserer CDs in der Hand hatten. Wir singen Lieder mit Emotionen, von rauf und runter. Nicht nur von heiler schöner Welt.

Nicht?

Nein, bestimmt nicht. Bei uns sterben auch Leute.

Um Ihre Lieder ein bisschen besser kennen zu lernen: Worum geht es beispielsweise in „Almenrauschen und Pulverschnee“?

Das ist jetzt das falsche Beispiel. Das ist eine Juxnummer, bissel ein Klatschlied. Wenn man viele ernste Lieder singt, dann muss man mal was Lustiges reinstricken. Die größten Erfolge haben wir aber mit Balladen, wo es zum Beispiel um ein behindertes Kind geht oder um einen ausgesetzten Hund.

Sehr prägnant klingt der Titel „Das Mädchen mit den erloschenen Augen“.

Ja, das war unser erster großer Hit. Der handelt von einem Mädchen, das von zu Hause auszieht, weil es das Landleben satt hat und in das Drogenmilieu gerät, ganz unten ist es irgendwann, aber dann wagt es sich doch zurück ins Elternhaus und wird mit offenen Augen empfangen und alles wird wieder gut.

Also doch Lieder mit Happyend?

Meistens. Sonst würden die Leute ja nur weinen in unseren Konzerten. Sie sollen aber glücklich nach Hause gehen.

Bei so vielen Fans – immerhin rund 170 Clubs mit fast 25 000 Mitgliedern – haben Sie natürlich auch Groupies.

Ach, das ist ja in der Volksmusik nicht so. Unser Publikum ist eben schon etwas älter. Ich sag immer: Wenn die Hausfrau beim Fensterputzen unsere Lieder trällert, sind wir in der richtigen Zielgruppe. Früher war das schon eher mal verlockend: Wenn da die Wölfe losgelassen, haben sie auch mal gebissen, aber jetzt sind wir ja schon alle über 40 und verheiratet, insgesamt haben wir 14 Kinder.

Ist sexy sein denn kein Kriterium für einen Volksmusiker?

Aber klar, ein Sänger, der keinen Sexappeal hat, sollte den Beruf wechseln. Wir verkaufen Emotionen, da ist man auf der Bühne auf Du und Du mit dem Publikum, vor allem mit den Frauen, weil die sensibler sind. Da ist Sexappeal wichtig. Na gut, wir sind keine Boygroup und gehen auch nicht ins Fitnessstudio, aber doch, wir haben auch Sexappeal.

Dieses Jahr sind Sie wieder für den Echo-Musikpreis nominiert. Mussten Sie den Weltstars, die Sie dort treffen, eigentlich schon mal erklären, wer Sie sind und warum Sie so viele Echos haben?

Ich durfte da schon mal dem großen Dieter Bohlen die Hand schütteln. Ich bin nur ein kleiner Volksmusiker, hab’ ich zu ihm gesagt, aber er kannte uns. Und mit meiner Tochter saß ich mal neben Sarah Connor. Die kannte uns nicht, da hatte ich den Preis aber auch noch auf dem Schoß. Aber als ich sie gefragt hab’, ob sie mit meiner Tochter zusammen, die sehr aufgeregt war, ein Foto macht, hat sie das gern getan. Ich hab unseren Preis dann auch auf den Tisch gestellt.

Das Gespräch führte Christine-Felice Röhrs

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