Berlin : Kurzmeldungen

Annette Kögel

PRO

Schöner Spielzug, klasse Taktik! Gut, dass der Senat so einen WM-2006-Cheftrainer hat wie Jürgen Kießling. Der Sportexperte schlägt vor, 2006 WM-Fahrspuren für Promis einzurichten. Damit Fifa-Funktionäre und Politiker aller Nationen nicht im Stau stecken bleiben. Aber kaum gibt der Fachmann einen Tipp, da fangen die gegnerischen Fans schon an zu buhen. Doch wer schreit, hat Unrecht. Wir brauchen diese Fahrbahnen, damit Berlin endlich einmal mit einem internationalen Großereignis in Sachen Image punkten kann. Es ist doch jedes Mal das gleiche Spiel: Kaum lockt ein Konzert, eine Bundesligabegegnung, ein Kunstereignis, steht man verkehrstechnisch im Abseits. Und das erst recht während einer WM, denn zu den Spielen kommen fast so viele Touristen, wie Berlin Einwohner hat. Die meisten Begegnungen werden während des Berufsverkehrs angepfiffen. Da stehen die Kisten stehen erst recht Stoßstange an Stoßstange.

Es ist also nur vernünftig, den Promis während des Megaevents ganz ohne Sozialneid Vorfahrt zu gewähren, damit sie nicht im Auto laut auf uns Berliner schimpfen. Deswegen muss gelten: Die Welt ist bei uns zu Gast, und wir behandeln die Besucher auch wie Gäste. Man könnte die Wagen ja mit den Fußball-Maskottchen als Aufkleber oder Fähnchen kenntlich machen, damit sich niemand zu Unrecht freie Fahrt verschafft. Die WM-Spuren gelten ohnehin zeitlich begrenzt und verlaufen einzig von der Fifa-Zentrale im Adlon zum Olympiastadion. Liebe Berliner, macht la ola für Jürgen Kießling! Denn würde man jeden Minister und jeden Präsidenten einzeln durch die Stadt eskortieren, wäre das erst recht ein Eigentor.

CONTRA

Fußballspiele müssen pünktlich anfangen. Keine Frage. Deswegen sollten Fußballer rechtzeitig auf dem Platz stehen. Einverstanden. Welche Konsequenzen der Senat jetzt aus diesen beiden Selbstverständlichkeiten für die WM 2006 ziehen will, ist allerdings absurd. Sonderspuren auf Berlins überfüllten Straßen für Sportler, Funktionäre und Sponsoren? Dann müsste man daneben noch ein paar weitere Spuren für, zum Beispiel, Sängerinnen, Lehrer und Fernsehmoderatoren reservieren. Oder ist es bei Opernaufführungen, Schulstunden oder den Fernsehnachrichten nicht wichtig, dass sie pünktlich anfangen? Auch diese Tagesspiegel-Ausgabe könnten Sie, werte Leser, heute nicht in Händen halten, wenn gestern nicht hunderte von Tagesspiegel-Mitarbeitern pünktlich zum Dienst erschienen wären. Ganz ohne Sonderspuren! Na gut, die WM ist ein besonderer Anlass. Berlin würde sich weltweit zum Gespött machen, wenn ein Spiel ausfallen müsste, weil die Kicker auf dem Weg vom Adlon ins Olympiastadion im Stau stecken geblieben sind. Aber wieso bemühen die städtischen Sportverwalter nicht einfach den gesunden Menschenverstand und verordnen den werten WM-Gästen das, was auch jeder andere Berliner tun muss, der pünktlich von A nach B gelangen will: rechtzeitiges Losfahren! Und falls man den empfindlichen Spitzenspielern dies nicht zumuten will, bleibt noch eine Alternative – statt des Hotels Adlon, das bislang als Unterkunft für die Fußballer geplant ist, quartiert man sie einfach in einem der reichlich vorhandenen Mittelklasse-Hotels rund ums Olympiastadion ein. Die werben damit, dass sie nur wenige Minuten vom Stadion entfernt sind. Zu Fuß! Praktischer Nebeneffekt: So kommen die Sportler schon aufgewärmt auf dem Rasen an. Lars von Törne

WAS MEINEN SIE?

Sonderspuren für WM-Sportler und Sponsoren?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.tagesspiegel.de/ted

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