Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

The Curtain Club, im Hotel Ritz-Carlton, Potsdamer Platz 3, Mitte, Tel.: 33 77 76 409, sonntags bis donnerstags 18 bis ein Uhr, freitags/samstags bis 2 Uhr

Diese Situation ist der drinking crowd durchaus vertraut: Es kommt Besuch in die Stadt, er logiert in einem Hotel und schlägt vor, man könne doch noch abends in die hauseigene Bar… In der Regel pflegt dann der Anhänger des elegant drinking seine Bekannten diskret an den Arm zu nehmen und aus dem Hotel zu einer wirklichen Bar zu geleiten. Denn auch im Jahre 2004 ist das Hotelbarwesen in dieser Stadt ziemlich öde. Es gibt Ausnahmen, wie die Vox-Bar im Grand Hyatt am Potsdamer Platz, aber meistens gilt: Berliner Hotelschänken bieten Bier, Buntmixgurgler und Rentnerrumba. Cocktails gibt es woanders. Oder sollte sich das jetzt ändern, da nun das Ritz-Carlton nach Berlin gekommen ist und nicht nur eine Bar, sondern gleich einen „Curtain Club“ mitgebracht hat?

Tatsächlich sind am Eingang große „curtains“ barock zusammengerafft. Durch sie betritt der Gast einen Trinktempel, der in seiner Wucht noch die anglophile Bar des legendären King-David-Hotels in Jerusalem übertrifft: Massive, dunkle Holzdecke, dunkelblaue Teppiche mit floralen Mustern, prasselndes Kaminfeuer, daneben ein Schrankkoffer, der sich als Humidor mit einer Auswahl cubanischer Zigarren entpuppt; ein langer Tresen in der Form eines großen C, samt footrail und feudalen Hockern, pardon: Fauteuils auf halbhohen Stelzen; tiefe Sessel aus Leder oder mit goldenem Stoffbezug, runde Tische, auf denen Ständer mit Nüsschen, Oliven und Parmesanbröckchen warten, ein Piano. Angenehm beeindruckt fragten drinking man und compañera nach der Karte.

Eine der vielen Servierdamen brachte zwei Fotoalben. Zumindest sahen die Getränkekarten so aus. Zahlreiche Spirituosen sind dort verzeichnet, Obstbrände, aber nur wenige Cocktails und Longdrinks. Auf die Frage nach dem wahren Cocktailbrevier holte die nächste Dame eine dieser dünnen, langen Karten, wie sie in Eissalons üblich sind. In der mageren Broschüre werden ein paar belanglose Buntmixdrinks aufgelistet. Aber wie ist das nun mit den classic cocktails? Die dritte Dame meinte schließlich, man müsse nur einen Drink nennen, die Keeper wüssten dann schon, was zu tun sei. Als wollte sie sagen: In der Bar eines Ritz-Carlton sind Menschen am Werk, die mixen die 200 klassischen Cocktails selbst im Halbschlaf perfekt.

Zur Vorsicht bestellte der drinking man erstmal einen Drink aus der Karte, einen Gimlet. Das Aroma war einwandfrei. Die compañera ließ sich auf einen Mai Tai ein, der nirgendwo verzeichnet ist und ganz passabel schmeckte. Bis hierhin ging alles gut. Aber dann keimte Zerknirschung. Das drinking couple hatte ausgetrunken, aber keine der herumwieselnden Servierdamen nahm Notiz. Mehr als 20 Minuten lang. Als dann doch eine waitress auf dezentes Winken reagierte und der drinking man einen Gin Tai bestellte, kam ein: Gin Tonic. Is it Ritz-Carlton or is it Hotel garni? Für die compañera wurde noch ein Mosquito (Mojito ohne Alkohol) gebracht, an dem nichts zu beanstanden war.

Dem Publikum schien es trotz der Servicesünden zu gefallen. Junge, flirtfreudige Russinnen in teurem Hippie-Look, nadelstreifige Geschäftsleute, amerikanische Touristen im Sportswear-Dress – sie alle tranken und plauderten munter. Das schwere Herrenclub-Mobiliar schien keinerlei dämpfende Wirkung zu entfalten. Sehr schön. Endlich verfügt Berlin über eine grandiose, einer aufstrebenden Capitale angemessene Hotelbar. Mit kleinen Mängeln, doch die sind in einem Ritz-Carlton nicht von Dauer, oder?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben