Berlin : Kurzmeldungen

Sie holten vor 25 Jahren für die Alternative Liste die ersten Mandate in Berlin. Die meisten von ihnen verließen später die Partei, weil sie glaubten, dass die alten Ideale nichts mehr galten, oder weil sie keine Karteileichen sein wollten. Eine aber will „mit dem Schwert in der Hand sterben“ Die Igel der ersten Stunde

Katharina Schuler

Zwischen den schicken Cafés und Bars wirkt der Kiezladen am Helmholtzplatz irgendwie unpassend. Wie ein Überbleibsel aus ferner Zeit erinnert er an Bürgerinitiativen, Selbstverwaltung und Häuserkämpfe. Hier wohnt Ortwin Zeitlinger. Doch der schlanke 56-Jährige in Jeans und Strickjacke, der ein paar Stockwerke weiter oben die Tür öffnet, hat trotz seiner bürgerbewegten Vergangenheit mit dem Laden nichts zu tun. „Reiner Zufall“, sagt er, während er die Zeichnungen seines jüngsten Sohnes vom Tisch räumt.

Auch 1979 war der damals 31-jährige Referendar, der zu der Zeit noch in Tiergarten wohnte, schon Vater. In jenem Jahr wurde das zweite von mittlerweile sechs Kindern geboren. Im März kam dann die Tätigkeit als Bezirksverordneter hinzu. „1979, das war das Jahr, in dem ich am wenigsten geschlafen habe“, sagt er in einem weichen Tonfall, dem seine Pfälzer Herkunft anzuhören ist.

Zeitlinger gehörte zu jenen ersten zehn Abgeordneten, die vor 25 Jahren als erste Mandatsträger der neu gegründeten Alternativen Liste in vier Berliner Bezirksverordnetenversammlungen einzogen. Fürs Abgeordnetenhaus hatte es mit 3,6 Prozent noch nicht gereicht. Trotzdem war das Ergebnis im Zeichen des berühmten Igel-Logos für die Alternativszene ein großer Erfolg. Zwar hatten sich zuvor bereits in anderen Bundesländern vereinzelt alternative Listen zur Wahl gestellt, doch noch nie war es gelungen, so viele Sitze auf einmal zu gewinnen.

Zur Alternativen Liste (AL) war Zeitlinger über die Bürgerinitiative Tiergarten gekommen, die aus der legendären Bürgerinitiative Westtangente hervorgegangen war. Beide kämpften gegen Pläne ehrgeiziger Senatoren, die Berlin mit einem Autobahnnetz überziehen wollten. Auf dem Oranienplatz in Kreuzberg sollte beispielsweise ein Autobahnkreuz entstehen.

„Damals gab es bei vielen noch große Bedenken, sich für die AL aufstellen zu lassen“, erinnert sich Zeitlinger. An der Gründung der Partei hatten sich viele linke Splittergruppen beteiligt, so dass es der Presse ein Leichtes wahr, die Alternativen als kommunistisch unterwandert darzustellen. Das Thema Berufsverbote war noch aktuell und manch einer befürchtete berufliche Nachteile.

Nach den Wahlen stürzten sich die zwei Tiergartener Verordneten auf die Arbeit, schließlich hatte die AL ihren Wählern versprochen, mit ihr solle der „Betrug am Wähler schwieriger werden“. Zu zweit besetzten sie sämtliche Ausschüsse und bombardierten die Bezirksverordnetenversammlung mit Anträgen und Anfragen „Etwa 50 Prozent der Tagesordnungspunkte stammten von uns“, grinst Zeitlinger. „Die Sitzungen dauerten jetzt doppelt so lang:“ Bei den anderen Fraktionen, die den Neuen ohnehin wenig Sympathie entgegenbrachten, machten sie sich dadurch nicht beliebter.

„Bald wird kein Hahn mehr nach Ihnen krähen“, hatte der Bezirksbürgermeister den AL-lern zu Beginn der Legislaturperiode prophezeit. Er hatte sich getäuscht, nach der nächsten Wahl saßen sechs „Igel“ in der BVV, er selbst dagegen war nicht mehr dabei.

Heute gehört Zeitlinger wie acht andere seiner damaligen Kollegen nicht mehr zu den Grünen. Diese haben sich in seinen Augen zu weit von den ursprünglichen Idealen entfernt. „Jetzt überweise ich mein Geld an Attac“, lacht er, wenn er Zeit hätte, wären die Globalisierungsgegner die Organisation, in der er sich gerne engagieren würde.

In Kreuzberg schafften es damals drei Abgeordnete in die BVV. Einer von ihnen ist der heute 55-jährige Rainer Ganz. Der Künstler und Restaurator wohnt noch immer in der Wohnung in der Oranienstraße, in die er vor über 30 Jahren einzog. Auch seine Mitbewohner sind überwiegend die gleichen geblieben, die Hausgemeinschaft hatte das Haus gekauft. Hinter dem blauen Tor erwartet den Besucher ein gekachelter Innenhof mit großen Pflanzen, der die Oranienstraße mit ihrem Gewimmel, ihrem Lärm und Gestank weit weg erscheinen lässt.

„Ich war sofort verliebt in Kreuzberg, als ich 1969 nach Berlin kam“, sagt Ganz. Deswegen engagierte er sich gegen die geplante Zerstörung des Viertels. „Die Häuser da drüben standen alle leer“, sagt er und deutet auf die gegenüberliegende Seite. „Da spielten die amerikanischen Soldaten Stadtguerilla.“ Als dann die AL gegründet wurde, sei er quasi automatisch mit dabei gewesen. Dass er Bezirksverordneter geworden sei, sei aber eher Zufall gewesen. Plötzlich habe es einfach zu viele Prozente für die AL gegeben.

Auch er saß in zehn Ausschüssen gleichzeitig, zugenommen habe er vor lauter Stress. Ein Sozialdemokrat habe ihn mal als den „Kampfstier der AL“ bezeichnet. Doch der Stier war sensibler, als es nach außen wirkte. Nachts schlief er nicht, hielt im Traum Reden oder versuchte, sich gegen Anfeindungen zu wehren. Auch in seine Kreuzberger Stammkneipe konnte er in dieser Zeit nicht mehr gehen. „Die, die da saßen, das waren ja alle unsere Wähler, und die wollten ständig was von einem“, sagt er. „Jeder wollte was wissen, was kritisieren oder einen Ratschlag geben. Manchmal habe ich mich gefühlt wie der Kiezpfarrer.“

In den Jahren nach seiner Abgeordnetenzeit zog Ganz sich aus der Politik zurück, weil ihm die Energie gefehlt habe. Auch sein Parteibuch hat er wieder abgegeben. „Ich wollte keine Karteileiche sein“, sagt er. Heute malt er mit Hingabe und restauriert Bilderrahmen.

Der Weg zu Jörg Bohmfalk, einstigem Abgeordneten in Schöneberg, führt in ein vornehmes Villenviertel nach Zehlendorf. Wie Ganz und Zeitlinger hatte es auch Bohmfalk 1968 nach Berlin gezogen. Während des Studiums verkehrte er „im Umfeld der Kommunistischen Aufbauorganisation“, einer Gruppierung, die sich die Neugründung der Weimarer KPD zur Aufgabe gemacht hatte. „Sehr maoistisch, bewusst sowjetkritisch“ sei die Ausrichtung gewesen, sagt der 56-Jährige. Heute verkauft der studierte Germanist Eigentumswohnungen.

Er gehörte zu denen, die die Gründung der Partei machtbewusst und strategisch vorangetrieben hatten. 1979 wurde er ihr erster bezahlter Funktionär. Im Vergleich zu vielen anderen AL-Abgeordneten hatte er weniger Berührungsängste im Umgang mit den anderen Parteien. Er schätzte die Kompetenz der „konservativen CDU-Sozialtanten“, wie er sagt, und ließ sich von einem SPD-Mann eine Einführung in Sachen Rechnungsprüfungsausschuss geben. Gelegentlich stimmte er auch mal mit der CDU. „Über schwarz-grüne Bündnisse zu diskutieren, hätte ich mir aber nicht erlauben dürfen“, sagt er lachend.

Bohmfalks Abschied von der AL, für die er sechs Jahre lang hauptamtlich tätig war, hat mit Dirk Schneider zu tun. Schneider war der einzige dieser frühen Mandatsträger, der ein bisschen politische Karriere machte. In den 80er Jahren machte er für die Grünen Deutschlandpolitik in Bonn. Er war es auch, der durchsetzte, dass die AL sich Forderungen der DDR-Regierung – etwa nach einer Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft – weitgehend zu eigen machte. Bohmfalk dagegen forderte Solidarität mit den Oppositionsbewegungen im Osten. Er selbst hatte Kontakte in die DDR, aber auch zur polnischen „Solidarnosc“ und vor allem zur „Charta 77“ in der Tschechoslowakei, wo er regelmäßig zu Besuch war.

Doch viele Westlinke machten sich in dieser Zeit mehr Sorgen um die Demokratie in Südamerika als um die hinter der Mauer. Bohmfalk fand für seine Position keine Mehrheit und verließ die AL 1985 tief enttäuscht. Erst nach der Wende wurde bekannt, dass sein Gegenspieler Schneider jahrelang für die Stasi gearbeitet hatte.

Die einzige der zehn ersten Abgeordneten, die den Grünen bis heute treu geblieben ist, ist Rosemarie Stein. Mit 56 Jahren war sie damals die Älteste unter den Mandatsträgern. Sie wohnt noch immer in Wilmersdorf, dem Bezirk, für den sie in der BVV saß. Die große alte Villa aus der Zeit der Jahrhundertwende, ihr Elternhaus, teilt sie mit einer wechselnden Belegschaft aus Kindern, Enkeln und Studenten. „Indirekt haben wir schon einiges erreicht“, sagt sie, während sie Tee aus selbst gepflückten griechischen Bergkräutern einschenkt. „Die anderen Parteien haben sich in manchen Punkten an uns angepasst.“ Manchmal war das ganz offensichtlich. „Nach der nächsten Wahl hatte die CDU plötzlich lauter junge Abgeordnete in Jeans und Turnschuhen in der BVV“, erinnert sich Stein.

Sie selbst hatte nach zwei Legislaturperioden trotzdem genug von den „wahnsinnig langweiligen Sitzungen“. Wenn es aber darum geht, Broschüren zu verteilen oder Wahlkampf zu machen, ist sie auch heute noch dabei. „Die Grünen sind anständige Leute geblieben“, ist die 83-Jährige überzeugt. Leider gäbe es ja so viele, die resignierten, und dabei gebe es doch immer noch so viel zu tun. Ihr selbst wird das jedenfalls nicht passieren. „Ich sterbe mit dem Schwert in der Hand“, sagt sie und lächelt.

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