Berlin : Kurzmeldungen

Gerd Nowakowski

PRO

Wer erwartet die Kinder zu Haus, wenn die Grundschule aus ist? Niemand. Vater ist auf Arbeit – und die Mutter auch. Die Ganztagsgrundschule ist deswegen für berufstätige Eltern die überfällige Antwort, weil sich die gesellschaftliche Realität verändert hat. Doch um eine sinnvolle Betreuung der Kleinen am Nachmittag geht es nicht allein. Ganztagsschule bedeutet auch, nach dem Unterricht unter pädagogischer Beobachtung mehr sozialen Erfahrungsraum für die Kinder zu schaffen und spielend zu lernen – ob es um friedliche Konfliktbewältigung in der Gruppe geht, um gemeinsame Hausarbeiten oder einfach um Lesen und Reden in der Gruppe.

Diese sozialen Erfahrungen sind gleichermaßen wichtig für deutsche, aber auch für Kinder mit ausländischer Abstammung. Deutsche Kinder können in der Gruppe Erfahrungen machen, die ihnen als Einzelkind in der Familie oft fehlen, und für türkische Kinder, bei denen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird, ist der Sprachgebrauch eine wichtige Basis für eine erfolgreiche Integration. Voraussetzung für einen Erfolg des Modells ist die verpflichtende Teilnahme. Wer deutschen Eltern die Abmeldung gestattet, weil das Kind von der nicht berufstätigen Mutter betreut werden soll, kann dies türkischen Eltern nicht abschlagen, wenn die ihre Sprösslinge am Nachmittag zur Koranschule schicken wollen. Und der dritten Familie sind dann die Verpflegungskosten für die Betreuung in der Schule zu hoch. Dann wäre das Modell gescheitert.

CONTRA

Ganztagsschulen an sich sind eine gute Sache. Nicht umsonst schauen wir sehnsüchtig nach Frankreich, wo diese Schulen seit langem etabliert sind. Insofern ist der Ausbau dieser Schule richtig. Aber Eltern in Berlin zu verpflichten, ihre Kinder ganztags dorthin zu schicken, das darf nicht sein. Das Angebot sollte nur für die gelten, die es wollen oder brauchen. Das werden nicht wenige sein. Viele Eltern möchten, dass ihre Kinder bis zum Nachmittag in der Schule bleiben, weil sie diese gut betreut wissen wollen. Andere Eltern wiederum versprechen sich eine bessere schulische Förderung, die der Halbtagsbetrieb nicht bieten kann. Andere aber möchten eben nicht, dass die Kinder so lange in der Schule sind. Und dafür können sie durchaus sehr gute Gründe haben. Denn unser Gemeinwesen ist gar nicht darauf ausgerichtet.

Wenn sie so lange in der Schule bleiben müssten, hätten die Kinder in der Regel nämlich gar keine Möglichkeit mehr, beispielsweise einen Sportverein zu besuchen oder an einer Musikschule ein Instrument zu lernen. Denn das Sporttraining oder die Klavierstunde finden normalerweise am Nachmittag statt. Für Ganztagsschüler nicht zu schaffen – Pech gehabt. Wenn man sich schon Frankreich zum Vorbild nimmt, dann muss man aber auch wissen, dass es nur funktioniert, weil das ganze System darauf ausgerichtet ist. Beispielsweise haben im ganzen Land die Kinder den Mittwochnachmittag frei, um außerschulischen Aktivitäten nachgehen zu können. Sigrid Kneist

WAS MEINEN SIE?

Soll die Teilnahme an der Ganztagsbetreuung Pflicht sein?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cents pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.meinberlin.de/ted

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben