Berlin : Kurzmeldungen

Geduld kommt vor Genuss: Wer zur MoMA-Schau will, steht oft Stunden. Weil das auf den Rücken geht, lässt Freda von Heyden-Hendricks die Wartenden turnen Fit für die Schlange

Anne Seith

Die Nackenmuskulatur ist hart wie Beton, vom Steißbein aus klettert ein ziehender Schmerz entlang der Wirbelsäule immer weiter nach oben. Als ob man sich im Wortsinne die Beine in den Bauch gestanden hätte. Wer einmal zwei Stunden Schlange gestanden hat, kennt diese Beschwerden – also praktisch jeder, der zur MoMA-Ausstellung in die Neue Nationalgalerie will. Freda von Heyden-Hendricks weiß, woher die Schmerzen kommen: Man stelle sich „automatisch“ falsch hin, wenn man eine Weile in einer Schlange warte, sagt die Physiotherapeutin. Bauch raus, Rücken rund, Hände in den Taschen. Diesem ergonomischen Unsinn will sie den Garaus machen: Freda von Heyden-Hendricks lässt die Menschen in der MoMA-Schlange turnen, sich dehnen, strecken. Immer wenn die Schlange besonders lang ist, kommt die 53-Jährige den geplagten Kreuzen zu Hilfe.

„So, jetzt stellen Sie sich ganz locker ein wenig breitbeinig hin und ziehen den Bauch ein“, heißt es dann für die Wartenden, und Freda von Heyden-Hendricks beginnt mit ihrem Fitnessprogramm. Ungefähr zehn Minuten lang zeigt sie einfache Übungen, die die Muskeln lockern. Wenn die Patienten nicht zum Physiotherapeuten kommen, muss der eben zu ihnen gehen, findet Freda von Heyden-Hendricks. Und vielleicht finden einige ja später den Weg in ihre Praxis am Schöneberger Ufer, gleich gegenüber des Museums, die sie sich mit vier Kollegen teilt.

Die meisten Museumsbesucher nehmen die Abwechslung vom langweiligen Warten dankbar an. Unter glucksendem Gekicher wippen sie von einem Bein aufs andere, lassen die Schultern kreisen und trommeln sich zum Abschluss mit den Händen gegenseitig auf den Rücken. Von weiter weg sieht es aus, als beginne die Warteschlange zu leben.

Fast täglich zieht Freda von Heyden-Hendricks inzwischen los, um die MoMA-Besucher auf Trab zu bringen. Nur heute nicht, heute ist Montag, Ruhetag in der Neuen Nationalgalerie. Aber vielleicht morgen wieder. Anfangs habe es ein bisschen Überwindung gekostet, sich vor so viele Leute zu stellen, sagt sie. „Aber inzwischen macht es riesigen Spaß.“ Außerdem lerne sie auch etwas dabei – denn Freda von Heyden–Hendricks macht gerade eine Ausbildung zur physiotherapeutischen Arbeitsplatzberaterin. Da müsse sie dann mit großen Gruppen arbeiten. „Das kann ich hier gut üben,“ sagt sie.

Durch ihr Fitnessprogramm hat sich Freda von Heyden-Hendricks zur Fachfrau für die MoMA-Schlange als solche entwickelt. „Morgens beginnen die Leute schon um viertel nach neun sich anzustellen“, sagt sie. „Und so um die Mittagszeit ist der Andrang am schlimmsten.“ Ab halb vier würde es dann langsam leerer. Sie selbst kennt die Ausstellung bisher nur aus dem Katalog,. „Immer wenn ich Zeit hatte, war mir die Schlange einfach zu lang.“

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