Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

Bellevue Bar, Bellevuestraße 1, Tiergarten, Tel.: 26 39 03 72, geöffnet täglich von 9 bis 0 Uhr

Exchange Bar, im Marriott Hotel, Inge-Beisheim-Platz 1, Tiergarten, Tel.: 22 00 06 440, geöffnet täglich von 11 Uhr 30 bis 2 Uhr

Manchmal unternehmen drinking man und compañera eine Art Reste-Bummel. Dann werden Bars aufgesucht, die noch auf der Liste der dringend heimzusuchenden Testobjekte stehen, aber beim letzten Mal nicht mehr angesteuert werden konnten – aus welchen Gründen auch immer. Nach dem jüngsten Besuch des Curtain Club im Ritz-Carlton wären eigentlich auch das Pendant im neuen Marriott Hotel und die Bellevue Bar in der großflächig eingeglasten Edelruine des einstigen Grand Hotel Esplanade an der Reihe gewesen. Doch nach der Visite im Curtain Club war die Stimmung, wie berichtet, eher zwiespältig und nicht auf weiteren Genuss zu programmieren. Vergessen wurden die zwei anderen Lokale in der Nachbarschaft aber nicht.

Die Bellevue Bar wirkt von außen, als Teil des bizarren Glaskastenensembles im Sony- Center-Komplex, recht interessant. Innen dominiert kühl-modernes Bistro-Design, kombiniert mit den üblichen zeitgeistigen Zugeständnissen an Revolutionsästhetik und Nostalgie – große Schwarz-Weiß-Fotos mit lachenden kubanischen Landarbeitern prangen an einer Wand, gegenüber hängen zahlreiche naive Minigemälde, auf denen Marlene Dietrich, Rosa Luxemburg, Klaus & Erika Mann und andere Altstars etwas unscharf herbeigepinselt wurden. Der Tresen ist dunkel und eckig in der Form eines ausgewalzten „U“, als kleiner Stilbruch sind am Fenster breite Sessel mit geflochtenen Rückenlehnen aufgestellt. Damit aber bloß keine Gemütlichkeit aufkommt, strahlt in einer Ecke eine offene Kühltruhe mit Esswaren die Gäste an. Wer Hunger hat, kann sich hier einen Sandwich oder einen Pudding herausnehmen. Der drinking man hatte Hunger und griff zu einem Käsesandwich, einer durchaus zeit(geist)gemäßen Sättigungsbeilage für den Abend.

Das Cocktailangebot ist knapp. Die nette Servierdame brachte einen Sex on the Beach, den die compañera als „süß, wässrig, belanglos“ abtat und einen Planter’s Punch, der eine ähnliche Wertung einheimste. Die gläserne Verpackung der Bellevue Bar weckt halt Erwartungen, die leider nicht erfüllt werden. Also ein paar Meter weiter ins Marriott.

Dessen Trinkstätte nennt sich „Exchange Bar“ und bietet tatsächlich einen interessanten Austausch von Infotainment und kleinteiliger Kuscheligkeit. Im Kontrast zur Lobby, deren Dach sich wie in einem gigantischen Aufzugsschacht erst ein Dutzend Stockwerke höher abzeichnet, wirkt die Bar mit ihrer recht tief hängenden Decke angenehm niedrig. Am geraden, dunklen Holztresen (mit footrail) saßen amerikanische Geschäftsleute. Ab und zu drehten sie sich von der Bar weg und schauten auf den Flachbildschirm, der an der gegenüberliegenden Wand flimmerte und an diesem Abend permanent, aber halblaut CNN abstrahlte. Die in den dicken, rot gemusterten Sofas plaudernden Touristengruppen und diskret sich räkelnden Pärchen ignorierten jedoch diese Fernseh-Berieselung.

Ungemein hurtig huschte zwischen den Gästen eine Servierdame herum. Sie stellte der compañera eine große Tasse heiße Schokolade hin, die mit einer langen, dünnen Schokostange verziert war. Der drinking man erhielt, in einem eleganten, schlanken Glas, einen Piña Colada. Der Geschmack war makellos. Dazu gab es ein Schälchen mit drei kandierten Ananasstückchen und Mandelsplittern. Sehr schön.

Vor dem Gang ins Marriott hatten drinking man und compañera, mit schon leicht gedämpfter Gemütslage, ihre Erwartungen etwas gedimmt. Und haben sich angenehm geirrt.

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