Berlin : Kurzmeldungen

Fatina Keilani

PRO

Ist ja klar – der erste Impuls ist: Auf keinen Fall soll man die Schloßstraße für den Durchgangsverkehr sperren. Das ist psychologisch nachvollziehbar. Gegen Veränderungen sperren sich die meisten Menschen erst einmal. Doch man sollte sich auch selbst durchschauen und fragen: Warum eigentlich bin ich dagegen? Denn wenn die Veränderung dann da ist, finden die meisten sie doch ganz schön. Denken wir an das Brandenburger Tor. Wer dort in jüngerer Zeit einmal war, wer über den verkehrsberuhigten Pariser Platz flaniert ist, sich an den farbenfroh blühenden Blumen in den Beeten erfreut hat und womöglich den ersten Kaffee in der Sonne getrunken hat, der war froh über die Ruhe und Lebensqualität, die dort herrschen. Und was war das damals für eine Debatte, wie erbittert stritten die Gegner einer Schließung des Tores für die freie Durchfahrt! Heute klagt kein Mensch mehr über den Schlenker, den er ums Tor fahren muss. Oder man hat sich einfach dran gewöhnt. Und dasselbe würde auch in Steglitz passieren: mehr Lebensqualität an Ort und Stelle, mehr Ruhe, viel bessere Luft. Und weniger Unfälle übrigens auch, denn auf der Schloßstraße werden mehr Menschen angefahren als an den meisten anderen Stellen der Stadt, es gibt dabei überdurchschnittlich viele Tote und Verletzte. Dafür müssten Autofahrer und ganz besonders der Schwerlastverkehr einen Schlenker fahren, der nicht allzu groß ist und an den sie sich schon bald gewöhnt hätten, so wie sie jetzt daran gewöhnt sind, einfach geradeaus weiterzufahren.

CONTRA

Die Steglitzer Schloßstraße für den Durchgangsverkehr, gar für Busse der BVG zu sperren, käme ihrem Todesstoß gleich. Oder war der Plan, am 31. März vorgestellt, doch ein vorgezogener Aprilscherz? Eine der wichtigsten und funktionsfähigsten Einkaufsstraßen Berlins lebt von den Verkehrsströmen der Straße, von Zehntausenden, die hier täglich mit dem Bus vorbeikommen und auch aussteigen. Diese Busse, allen voran die Traditionslinie 148, eine der längsten der Stadt, karren also Kaufkraft heran. Der Hinweis von BVG, Behörden und ADAC, es gäbe ja die parallel verlaufende Stadtautobahn und die S–Bahn, ist doch wohl nicht ernst gemeint? Die Schloßstraße wäre damit für viele, vor allem ältere Leute, nur mit größeren Mühen zu erreichen. Also kämen sie erst gar nicht. Abgesehen davon: Die Schloßstraße ist für eine verkehrsberuhigte Zone, die auch eine gewisse Atmosphäre verbreiten soll, viel zu breit. Mit einer einzigen, zudem stets verstopften Spur für Anlieger und Kunden sowie einer breiten Radfahrertrasse wäre sie als Bummelzone eine gefährliche Zumutung. Die Geschäfte würden das sehr schnell am Umsatz spüren. Was also ist der Kern dieses Vorstoßes der großen Koalition angeblicher Fußgängerfreundlichkeit? Die Planungsbehörden brauchen wieder für viele Jahre Arbeit, die BVG findet einen Vorwand, Linien zu kürzen, und der ADAC sieht die Chance, ohne viel Mühe von seinem Auto-Lobby-Image wegzukommen. Aber ohne Autos wird die Einkaufsstraße nur zur toten Zone. Christian van Lessen

WAS MEINEN SIE?

Soll die Schloßstraße für den Durchgangsverkehr gesperrt werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.meinberlin.de/ted

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