Berlin : Kurzmeldungen

Frank Jansen

THEKENTANZ

Bar im früheren „Babette“-Pavillon

Karl-Marx-Allee 36, Mitte, täglich ab 19 Uhr

Ein zweiter Versuch. Nachdem Anfang Januar der erste Test der postsozialistischen Tresenmeile „Karl-Marx-Allee“ noch nicht die Erwartungen der Avantgarde der trinkenden Klasse erfüllt hatte, unternahm der drinking man nun mit der compañera einen weiteren Anlauf. Durchaus hoffnungsfroh, denn die Bar im einstigen Kosmetiksalon „Babette“ erscheint schon optisch verlockend. Der 1964 fertig gestellte „Babette“-Pavillon hingegen ist eines der wenigen Relikte moderner sozialistischer Architektur: Ein Quader mit gewaltigen Fensterscheiben; innen geteilt in ein hohes Foyer und ein Zwei-Etagen-Hinterzimmer-Ensemble, an der sich eine elegante Treppe zu einer Art Reeling emporzieht. Dort oben ist an die Wand ein Endlosschriftband „face your face your . . .“ drapiert, unter der Reeling klebt die ebenfalls in Endlos-Wiederholung kopierte Fassade des Palasts der Republik: eine kupferglasige Fototapete, deren Anblick sich nach einigen Drinks in leichtes Flimmern auflösen könnte. Dazu beschallt von oben ein DJ den Quader mit Club-Sound.

Unten ballt sich rasch das junge Publikum an dem geraden Tresen und auf den rohen, aber heizungsnahen und deshalb gesäßwärmenden Sitzbänken an der Glasfront. Auch die Treppe ist bald besetzt. Die Karte ist karg. Offenbar haben die Betreiber bei der Getränkeauswahl wie bei der Namensgebung für das Lokal größere Mühen gescheut. Wer hierher kommt, betritt eben eine Bar, in der es was zu trinken gibt – die Architektur beeindruckt, das muss reichen. Beim ersten Mal wurden dem couple in halbhohen Wassergläsern ein Wodka Sour und ein White Russian vorgesetzt. Trotz der Präsentation – der White Russian sah aus wie ein Plastikbecher-Schokopudding mit Sahnepfropfen – erwiesen sich die Drinks als genießbar. Bei der nächsten Visite gab es größere Wassergläser, in die Mai Tai und Planter’s Punch abgefüllt wurden. Mit merkwürdiger Technik: Da der Keeper zu wenig Mai Tai geschüttelt hatte, kippte er noch zwei Schäufelchen Eis ins Glas. In den Planter’s, der quantitativ passte, wurde heftig Muskat gestreut. Hemingway hätte nach dem Revolver gegriffen.

Die ungewöhnlich mild gestimmte compañera meinte beim zweiten Besuch, „man sitzt ganz nett“. Die Bar im Babette erfreut das Auge, die für den Trinkgenuss zuständigen Körperorgane müssen sich halt bescheiden. Oder einen dritten Versuch in der Karl-Marx-Allee einfordern. Hat aber Zeit.

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