Berlin : Kurzmeldungen

Annette Kögel

PRO

Die Love Parade liebt längst nicht jeder. Die einen können diese aufgesetzt-fröhlichen Nackten mit dem Dauergrinsen nicht mehr sehen. Andere Kritiker sind davon überzeugt, Techno ist tot. Und doch gibt es neben den jugendlichen Ravern auch viele Berliner in Schlips und Kragen, die sehr wohl darauf hoffen, dass sich am 10. Juli wieder eine halbe Million Menschen wippend und zuckend durch den Tiergarten bewegen: Es sind Tourismusfachleute, Hoteliers, Gastronomen, Geschäftstreibende. Denn wenn Raver aus der ganzen Welt nach Berlin kommen, gibt es nicht nur Staus in der City und auf der Autobahn, sondern auch Gedränge in Pensionen, Supermärkten, Souvenirläden, Fotoshops, Getränkeketten, Modegeschäften, Clubs… Schon im Millenniumsjahr hat das FFH-Forschungsinstitut für den Handel hochgerechnet, dass 500 000 Love-Parade-Besucher rund 50 Millionen Euro mehr an Umsatz in die Stadt bringen. Und auch eine von der Berlin Tourismus Marketing, von Partner für Berlin, der BVG und der S-Bahn in Auftrag gegebene Studie hatte ergeben, dass jeder Raver umgerechnet über 100 Euro täglich ausgibt. Zwei Drittel der Tänzer kommen als Touristen, und sie bescherten der Stadt schon zu Beginn des neuen Jahrtausends 132 000 zusätzliche Übernachtungen. Die Stadt sollte sich die Love Parade also auch dieses Jahr wieder was kosten lassen. Im Gegenzug könnte sie ja an der aktuellen weltweiten Marketingkampagne sparen. Nach Adam Riese lässt sich das Image Berlins auch anders günstiger vermarkten.

CONTRA

Die Rechnung sieht so schlagend aus: Dutzende von Millionen Euro, die von hunderttausenden junger Party-Gäste in Berlins darbende Gastronomie, in den Einzel- und den Schwarzhandel gepumpt werden. Gegen lumpige 700 000 Euro, die zur Finanzierung der Love Parade fehlen. Das müsste auch einen Senat überzeugen, der das Geld fünfmal umdrehen muss, bevor er es doch nicht ausgeben kann. Die Subvention wäre recht betrachtet Investition – und ein tolles Image für Berlin gibt’s noch dazu. Aber ist dem noch so? Oder zeugt nicht das deutlich zurückgegangene Interesse von Sponsoren an der Love Parade davon, dass sie sich eben nicht mehr allzu viel positiven Imagetransfer versprechen? Cool ist die Parade schon länger nicht mehr. Und Berlin andererseits als Stadt des Nachtlebens, der vibrierenden Musik- und Kunstszene etabliert genug, dass sie des Festumzugs im Juli nicht mehr bedarf. Man braucht es der Love Parade nicht vorzuwerfen, sie sei veraltet – subventionieren aber sollte man sie ebenso wenig wie eine Branche ohne Zukunft. Es war schön, 15 Jahre lang. Doch wenn mittlerweile zu wenig Leute kommen, um durch Bierverkauf die Kosten zu decken; wenn sich die Veranstalter nicht mal trauen, höhere Bierpreise zu verlangen; wenn schließlich jedes andere Straßenfest sich klaglos selbst finanziert – dann ist ein Sonderstatus für die Love Parade schlechterdings nicht zu rechtfertigen. Die darbende Gastronomie und die übrige Berliner Wirtschaft jedoch sind herzlich eingeladen, die Parade durch ihren Beitrag zu retten. Holger Wild

WAS MEINEN SIE?

Soll die Love Parade mit Steuergeldern gerettet werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an. Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen: 0137-203333-2 (12 Cent pro Anruf). Das Ergebnis veröffentlichen wir am Dienstag.

Abstimmung im Internet unter

www.meinberlin.de/ted

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