Berlin : Kurzmeldungen

Sie ist intelligent, talentiert und attraktiv. Trotzdem musste Candace Allens Vater lange suchen, um für seine Tochter einen Tanzpartner beim Abschlussball zu finden. Heute ist die amerikanische Autorin mit einem der berühmtesten Dirigenten verheiratet: Sir Simon Rattle Worte wie Jazz

Elisabeth Binder

Die Frau hat Rhythmus, keine Frage. Wenn Candace Allen aus ihrem ersten Roman „Valaida“ vorliest, klingt das wie Musik. Ihre Heldin, Valaida Snow, war eine der großen Jazz-Legenden der Zeit zwischen den Weltkriegen. Neun Jahre hat sie gebraucht, um ihr Leben nachzudichten und nachzuerzählen. Was Künstlerseelen ausmacht, konnte die frühere Hollywood-Drehbuchautorin mit dem bewegten Mienenspiel aus nächster Nähe beobachten. Natürlich ist da ihr Ehemann, Sir Simon Rattle, der britische Dirigent, der selber in einem von Jazz geprägten Umfeld groß geworden ist. Bei seinem letzten Silvesterkonzert hat sie als Sprach- und Bewegungstrainerin mitgearbeitet. Dann ist da Aunt Billie, der das Buch mitgewidmet ist, ein großes Vorbild. Tante Billie hat eine geraume Zeit lang den Spagat geschafft zwischen einem Leben als Hausfrau in der ruhigen Vorstadt-Atmosphäre Long Islands und als Tänzerin und Theaterregisseurin in New York. Candace Allen liebt es, selbst zu tanzen, hat auf eine professionelle Karriere vielleicht nur verzichtet, weil sie zu groß gewachsen ist. Doch dankt sie gewiss nicht zuletzt ihrer Tanzleidenschaft den Rhythmus, der sie drängt, immer wieder Worte und Silben umzuverteilen, bis das, was da steht, laut gelesen wie Jazz klingt. Schließlich ist da auch noch der Onkel Luther Henderson, der mit Duke Ellington zusammengearbeitet hat. „Es hat eine Weile gedauert, bis mein Mann entdeckte, dass er Teil der Familie ist“, witzelt sie. Auf Simon Rattles CD „Classic Ellington“ stammen nun immerhin die Arrangements vom Onkel.

Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Kimberly, die aus Connecticut zu Besuch ist, hat sie sich an diesem Mittag im Café Einstein zum Lunch verabredet, zwei Tage vor ihrem Geburtstag, den sie am heutigen Sonntag feiert. Candace Allen stammt aus einer Familie von Vorbildern. Ihre Ururgroßmutter war eines von 13 ehemaligen Sklavenmädchen, die sich in der ersten Klasse des Spellman College in Atlanta, Georgia, zusammenfanden. Die Mutter ihres Vaters, eine Lehrerin, machte ihren Doktor an der Columbia University und fand auch noch die Zeit, ihren kleinen Sohn auf Demonstrationen mitzunehmen. Das war in den 30er Jahren.

Candace Allen ist allerdings die erste nach fünf Generationen von College-Absolventinnen, die einen Harvard-Abschluss vorweisen kann. Um ihn zu erlangen, hat sie sich nicht unnötig verbogen. Sie gehörte zu denen, die in den wilden Jahren zwischen 1967 und 71 das Institut für afroamerikanische Studien an Amerikas renommiertester Universität durchkämpfte. Es war die Zeit der Anti-Vietnam-Demonstrationen.

Dass ihre Romanheldin Valaida Snow eine sehr unpolitische Frau war, hat sie ein bisschen gestört. Deshalb hat sie eine Figur eingeführt, der die Aufgabe zufällt, kritische Fragen zu stellen. Trotzdem ist ihre zierliche Heldin ein Vorbild, denn sie hat sich nie den in sie gesetzten Erwartungen gebeugt, sondern genau das getan, was sie wollte, hat immer auf Risiko gesetzt, nie auf Sicherheit. Geboren 1904 , wählte sie von den vielen Instrumenten, die sie als Kind lernte, die Trompete für sich aus. Sie reiste nach Shanghai, lebte in London, Paris und Dänemark, wo sie eine Weile im Gefängnis verbrachte. Im Mai 1956 starb sie nach einem Auftritt in New York. Und ja, dieser Roman handele durchaus nicht nur von Liebe und Sehnsucht, wie es das Cover verspricht, sondern auch vom unbeirrbaren Streben nach höheren Zielen. Und darin ist die politisch engagierte Candace Allen ihrer Heldin wieder ganz nah.

Geboren 1949 in Boston, wuchs sie in den 50er Jahren in einer kleinen Stadt in Connecticut, auf. Ihr Vater war Zahnarzt, die Familie lebte in einem der guten bürgerlichen Viertel der Stadt, und Candace war das einzige schwarze Mädchen in ihrer Klasse. Als mit 13 die Tanzpartys nach der Schule begannen, blieb sie immer alleine stehen. Dass ein weißer Junge ein schwarzes Mädchen aufforderte, das gab es in der Zeit einfach nicht, egal wie hübsch oder wie klug dieses Mädchen sein mochte. Um für sie einen Tanzpartner für den Abschlussball zu finden, habe der Vater die ganze Ostküste abgesucht, erzählt sie lachend. „Dabei wurde ich sogar zur Ballkönigin gewählt.“ Ihre Mutter starb, als sie noch ein Kind war. Wäre sie am Leben geblieben, hätte sie wohl darauf bestanden, dass die Tochter Ärztin oder Anwältin wird. Doch diese ging zunächst lieber ins Filmgeschäft, und wurde als erste Afroamerikanerin in die „Directors Guild of America“ aufgenommen.

Bei allen inhaltlichen Erfolgen, ist ihr auch äußerlicher Ehrgeiz nicht fremd. Noch heute hat sie eine Schwäche für Designer, besonders Yamamoto und Gaultier, für Kleidungsstücke, die man nach zehn oder fünfzehn Jahren noch tragen kann, ohne dass es auffällt, weil sie in ihrer Einzigartigkeit zeitlos sind. „Dass man irgendwie schäbig rumläuft, das war bei uns undenkbar“, erinnert sie sich und ihre Schwester nickt heftig Zustimmung. Auch ihre Romanheldin Valaida hatte eine Schwäche für schöne Kleidungsstücke.

Einen deutschen Verlag hat sie für das Buch noch nicht gefunden, obwohl es keineswegs nur von Jazz handelt. Dennoch denkt sie schon über einen zweiten Roman nach. Darin soll es unter anderem um die Überkreuzung von Kulturen und Kunstrestaurierung gehen, um erste und zweite Blicke. Das Gute an „Valaida“ war auch die Erfahrung: „Ja, ich kann so ein Werk beenden.“ Man muss nur Prioritäten setzen können. Was das betrifft, kommen neue Herausforderungen auf sie zu. Derzeit ist sie auf Wohnungssuche. Sie liebt Altbauten mit hohen Decken, möchte gern „über den Bäumen leben, wo es hell ist“, aber nicht zu weit von der Philharmonie entfernt.

Berlin kennt sie von früher. Wie ihr Mann ist sie zum zweiten Mal verheiratet. Zu Beginn der 80er Jahre kam sie zu Filmarbeiten aus Los Angeles nach Berlin. Damals lernte sie ihren ersten Mann kennen, einen ostdeutschen Filmarchitekten, der es nur auf dem Umweg über das Gefängnis in den Westen geschafft hat. Während der kurzen ersten Ehe hat sie ein bisschen Deutsch gelernt. Jetzt kann sie die Kenntnisse wieder gebrauchen. Mit den Details der Innenausstattung will sie sich diesmal nicht aufhalten. Das Bücherschreiben ist ihr inzwischen einfach wichtiger. Als sie ihr Londoner Haus ausstattete, in dem sie derzeit noch lebt, brütete sie einmal lange über 24 verschiedenen Grüntönen, um den exakt richtigen herauszufinden. „Sie ist sehr detailorientiert“, kommentiert die Schwester trocken: Ein liebevolleres Wort für perfektionistisch. Aber nur mit dieser quälenden Tugend der Künstler kommt ein Buch zu seinem Rhythmus.

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