Berlin : Kurzmeldungen

Christoph Darnstädt schreibt das Drehbuch zur RTL-Serie, die in Berlin gedreht wird. Die Arbeit hat sein Bild von der Polizei total verändert Der Mann vom „Abschnitt 40“

Ariane Bemmer

Der Mann, ein Geschäftsmann mittleren Alters, sitzt im Auto, das vorne zerquetscht ist. Seine Beine stecken fest, wer weiß, was mit ihnen ist. Überall Blaulicht, ein schlimmer Unfall. Der Mann ist bei Bewusstsein. Die Sanitäter versorgen weitere Opfer, eine Ärztin kommandiert einen jungen Polizisten, er solle zu dem Mann gehen, mit ihm reden. Da hockt er dann, der junge Mann, und weiß nicht, was er tun, wie er sich verhalten soll. Er stammelt herum, wäre am liebsten woanders, ist überfordert.

Christoph Darnstädt hat sich die Szene ausgedacht, die er für eine der besten hält. Das ist Polizeiarbeit, die er zeigen möchte. Irgendwie klein und persönlich, keine klugen Ermittler, die Mörder fangen. Christoph Darnstädt ist Drehbuchschreiber. Er hat den Kinofilm „Experiment“ mitgeschrieben, in dem Moritz Bleibtreu spielt. Im Moment schreibt er die dritte Staffel der RTL-Polizeiserie „Abschnitt 40“, deren erste Folgen gerade in Berlin gedreht werden. Für den Pilotfilm und die erste Staffel gab es Preise: den Deutschen Fernsehpreis, den Monte Carlo Producer Award und den New Yorker Fernsehpreis.

Wenn er für „Abschnitt 40“ schreibt, unterstützt ihn ein Berater von der Polizei. Die Serie habe sein Bild von der Polizei gewandelt, sagt Darnstädt. Früher – er hat damals in Kreuzberger Kneipen gejobbt – habe er auch auf die „Bullen“ geschimpft, wie alle dort, über die uniformierte Staatsgewalt. Doch in den Büros und Dienstwagen sei gar nichts gewaltig. Was es da an Vorschriften gebe: Dass, wenn ein Polizei-Bully einparkt, ein Beamter den anderen in die Parklücke winken müsse. Dass es quasi nach jeder Festnahme Beschwerden gegen Beamte gebe, weil sich jemand beklagt, der Polizist habe ihn angefasst. Was dann an Papierkram anfalle, was es an Frust gebe. Einerseits.

Und andererseits die bürokratische Art der Polizisten selbst, die Männer mit ihrem umständlichen Deutsch, die wichtigtuerisch „Maßnahmen zur Durchführung bringen“, ihre Position ausnutzten, reaktionäre Sprüche klopften und so was. Er wolle nichts idealisieren, sagt Darnstädt.

Idealisiert hat dafür RTL, und zwar die Produktionsbedingungen der Serie: Keine Kulissen, nur echte Drehorte, und alle Schauspieler sind richtige Schauspieler. „Abschnitt 40“ sei einzigartig im deutschen Fernsehen, sagt Darnstädt – das Schreiben dafür „ein Traumjob“. Die Schauspieler denken mit und mischen sich ein, die ganze Crew ist eingespielt, und dann fallen auch noch jede Menge Ortskenntnisse für ihn ab. Weil die Regisseure alle wild auf den Osten seien, lerne er, seit 40 Jahren überzeugter West-Berliner, nun nach und nach auch Teile der Stadt hinter der ehemaligen Mauer kennen. Gegenden, in die er ohne den Job niemals gehen würde. Darnstädt ist in Zehlendorf aufgewachsen, heute lebt er mit Frau und Sohn in Tempelhof, wo er sich ein Arbeitszimmer in der Ufa-Fabrik gemietet hat. „Damit ich meine Familie mit meiner Raucherei nicht so nerve.“

Da hat er auch schon Folgen für die Autobahnpolizeiserie „Cobra 11“ geschrieben, angefangen hat er bei der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Aus dieser Mammutserie seien viele der heutigen Drehbuchschreiber hervorgegangen, sagt Darnstädt. Und neben den Kollegen von damals gebe es immer auch Freunde und Bekannte, die ankündigen, selbst mal ein Drehbuch zu schreiben. Und dann mache es aber nie jemand: „Es wird unterschätzt, wie irrsinnig viel Arbeit in einem Drehbuch steckt“, sagt Darnstädt.

Dazu müsse man sich motivieren, was unter Zeitdruck gut funktioniere – und deshalb erst ab Herbst besonders schwer wird: Denn ob es eine vierte Staffel gibt, entscheidet RTL erst, wenn die Zuschauerquoten der dritten Staffel vorliegen, die aber erst ab Herbst gesendet wird. Wenn es eine Verlängerung geben wird, steht das nach den acht Folgen fest. Und dann muss es sofort losgehen. Das heißt: Das Drehbuch muss längst fertig sein.

Für Christoph Darnstädt heißt das bis dahin, täglich die Polizeinachrichten der Berliner Zeitungen lesen. Da liegt der Stoff für seine Serie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar