Berlin : Kuschelecken

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über die Rückkehr des Mittelalters im modernen Berlin

Das Nikolaiviertel ist ein exterritorialer Teil der Stadt. Es gehört nicht zu Berlin, sondern zu Touri-Land, dem Kontinent des unschönen Scheins. Es ist so mittelalterlich wie ein Legostein, so authentisch wie eine 70-Euro-Note – der verzweifelte Versuch von DDR-Planern, den dort real existierenden Stadtverwüstungen eine historisierende Kuschelecke zu entreißen. Dennoch gilt es als Anziehungspunkt, und das muss nun als Legitimation genügen, das gleiche gescheiterte Konzept auf die gesamte andere Seite der Grunerstraße auszudehnen. Wie immer: Man möchte die Schneisen der sozialistischen Bulldozerei wegzaubern, aber nicht mit einem entschlossenen Schritt in die Moderne, sondern rückwärts, so, als habe es die ganze Periode dazwischen nie gegeben, Schlüters Schloss lässt grüßen. Gewiss: Das Ergebnis wird nicht so penetrant nach Plattenbau aussehen wie das Nikolaiviertel. Dennoch wäre es schön, wenn unsere Planer allmählich im 21.Jahrhundert eintreffen.

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