Kutlturnacht auf dem Stahnsdorfer Friedhof : Picknick beim Vampir

Rund 3000 Menschen kamen zur Kulturnacht auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. Mit den Einnahmen werden Gräber saniert.

Tassilo Hummel
Keine Störung der Totenruhe. Die Besucher genossen die besondere Friedhofsatmosphäre in Stahnsdorf. Mit Einbruch der Nacht erstrahlten die Mausoleen in zauberhaftem Licht.
Keine Störung der Totenruhe. Die Besucher genossen die besondere Friedhofsatmosphäre in Stahnsdorf. Mit Einbruch der Nacht...Foto: Tassilo Hummel

Die Autofahrer werden vom Einweiser zum Parken auf einen Acker geschickt. Von dort geht es zehn Minuten zu Fuß weiter. Das Wohngebiet um den Friedhof ist nämlich schon komplett zugeparkt. Beim Aussteigen sollte man die Jacke nicht vergessen für die lange Nacht mit Konzerten, Vorträgen oder Theateraufführungen. Rund 3000 Menschen sind am Samstagabend zur Kulturnacht auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof gekommen. Mit 206 Hektar ist er einer der größten Europas.

Werner von Siemens oder Gustav Langenscheidt ruhen hier

Ein Waldweg führt zu den Toren der Friedhofs. Dahinter geht im Westen gerade die Sonne unter. Hinter dem Eingang wird es sofort andächtig still, obwohl Familien mit Kinderwagen, Jugendliche und Seniorengruppen in Scharen kommen. Es scheint, als würden die dunklen Tannen, breiten Wege und alten Gräber unmerklich zur Totenruhe mahnen. Langsam schreiten die Besucher umher, gesprochen wird im Flüsterton – dann hört man die erste Musik. Vor einem großen Christusdenkmal steht Rebecca Frese in rotem Abendkleid. Mit den Armen holt sich die erst 19-jährige Sängerin den Schwung, den sie braucht, damit ihr Mezzosopran über den Friedhof schallt. Ringsum staunen die Zuhörer.

Geld für aufgegebene Gräber

Davor im Gras liegt ein Paar. Beide studieren an der FU Berlin Romanistik. Heute Abend haben sie sich ein Auto gemietet, um mit ihrer Picknickdecke und einer Flasche Wein die Nacht genau hier zu verbringen. In den Pausen der Arie „An den Tod“ von Christoph Willibald Gluck wagen die Zuhörer kaum zu atmen, nur die Blätter rascheln in den Bäumen. Ehe man es bemerkt, ist es Nacht. Am zentralen Platz vor der Holzkapelle sind die prächtigen Mausoleen in buntes Scheinwerferlicht getaucht. In einen dieser Totentempel hat sich eine Harfenspielerin gesetzt, ganz in sich gekehrt, mit langem grauen Haar. Man könnte meinen, sie mache das jede Nacht seit der Friedhofsgründung 1909.

Hier, in der Mitte des Kirchhofs, ist auch Olaf Ihlefeld anzutreffen. Er lernte das Gärtnern in Schloss Sanssouci und ist seit 25 Jahren der Leiter des Kirchhofs. Ihlefeld ist heute Abend „ehrlich gesagt sehr stolz“. In hunderten Arbeitsstunden habe er mit einer Handvoll Leuten aus dem Förderverein die Kulturnacht vorbereitet. Ob der Verein dadurch Geld einnimmt, mit dem man die teils heruntergekommenen, von Angehörigen aufgegebenen Gräber sanieren könnte, kann er noch nicht sagen. Schön wäre es, viel Geld werde es jedoch „auf keinen Fall“.

Auf dem weitläufigen Friedhofsgelände gab es viel zu entdecken. Zum Beispiel Fotografien von Jean-Baptiste Tournassoud aus dem ersten Weltkrieg an den Baumstämmen.
Auf dem weitläufigen Friedhofsgelände gab es viel zu entdecken. Zum Beispiel Fotografien von Jean-Baptiste Tournassoud aus dem...Foto: Tassilo Hummel

Bis nach Mitternacht waren über 30 Kulturveranstaltungen auf dem Friedhof zu erleben. Sie reichten von Blasmusik über Fotografie bis hin zu Vorträgen über Lebenssinn und Lebensglück. Am späten Abend wurde die Kulisse bei einer „Nosferatu“-Vorführung klischeegerecht eingesetzt: Der Pianist Graf von Bothmer begleitete seinen blutsaugenden Adelskollegen in dem berühmten Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau, der hier sein Ehrengrab hat.

Friedhof bleibt Friedhof

Mit der Kulturnacht will Ihlefeld das Verhältnis der Menschen zum Friedhöfen entspannter machen – das nennt er seine „Vision“. Dabei bleibt der Südwestkirchhof aber stets Friedhof. Der Tod gehört wie selbstverständlich zu dieser Kulturnacht und wurde selbst Thema beim Vortrag der Professorin Sibylle Einholz. Sie erzählte die dunklen Lebensgeschichten jüdischer Verfolgter, deren Grabsteine vermoost am Rande des Kirchhofs stehen.

Nach Angaben des Veranstalters ist vorerst keine weitere Kulturnacht geplant. Vereinzelte Kulturveranstaltungen gibt es jedoch das ganze Jahr über. Die nächste ist ein Kammermusik-Konzert am 21. September. Weitere Informationen gibt es unter www.suedwestkirchhof.de.

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