Berlin : Ladendämmerung

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies wundert sich über neue Trends im Morgengrauen

Früher ließ der Durchschnittsbürger den Wecker allenfalls für epochale Großereignisse mitten in der Nacht klingeln: Mondlandungen, WMEndspiele oder wenn Max Schmeling in Amerika eins auf die Nuss bekam. Heute und speziell in Berlin reicht durchaus die Eröffnung eines Einkaufszentrums wie am Donnerstag in Schöneweide – und schon stehen die Kauflustigen im Morgengrauen auf der Matte und produzieren einen Verkehrsstau.

Wieso eigentlich? Die Läden sind ewig die gleichen und wer Geiz geil findet, kann sich dieses Gefühl längst an jeder Ecke der Stadt besorgen. Es muss an der Zeit liegen. Der anhaltende Käuferstreik fällt offenbar völlig in sich zusammen, wenn die elementare Erfahrung des Geldausgebens zu einer Zeit geschieht, die früher als völlig unmöglich galt. Nachts um zehn – das ist schon wieder überholt. Aber der frühe Morgen darf als konsumtechnisch noch unentdeckter Kontinent gelten. Der neue Großstadtbürger frühstückt kurz vor der Tagesschau, nimmt die lange Nacht der Museen mit, isst einen Happen und geht dann gepflegt einkaufen. Kaum dämmert der neue Tag, liegt er im Bett.

Ja, es wird ein wenig seltsam werden, sich daran zu gewöhnen, dass das KaDeWe morgens um zehn schließt. Aber für die Konjunktur muss jedes Opfer gebracht werden. (S. 13)

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