Ladenschlussgesetz : Champagner für Spontane

Erneut streitet die Stadt über den Ladenschluss. Dabei wird vergessen, wie gut jeder Einkauf vor 15 Jahren noch geplant sein musste.

Bernd Matthies

Kann sich noch jemand an das schöne Wort „Dienstleistungsabend“ erinnern? Oder daran, dass dieser Abend – wie es Wikipedia behauptet – von den Beschäftigten „Schlado“ genannt wurde, was ein Kurzwort für „scheiß langer Donnerstag“ sei? Vieles ist irgendwie in Vergessenheit geraten in der endlosen Debatte um die Feinheiten des Ladenschlusses; gegenwärtig tobt in Berlin gerade einmal wieder der Kleinkrieg um den Sonntag mit dem Vorwurf, dass die Läden im Hauptbahnhof viel mehr als nur den erlaubten „Reisebedarf“ verkaufen.

Dennoch ist heute kaum noch vorstellbar, wie die meisten deutschen Städte nach Ladenschluss ausgesehen haben, bevor die gesetzliche Basis in zwei Etappen 1996 und 2003 gelockert wurde. Montag bis Freitag von 7 bis 18.30 Uhr, sonnabends bis 14 Uhr, sonntags überhaupt nicht, den „Reisebedarf“ ausgenommen – das war die Ausgangslage seit Juli 1957. Zusätzlich gab es den „langen Sonnabend“ einmal im Monat, der 1960 auf die Adventssonnabende ausgedehnt wurde. Dann passierte bis zur Erfindung des langen Donnerstags, also des „Dienstleistungsabends“ bis 20.30 Uhr, nichts mehr. In Ost-Berlin war die Gesetzeslage weitgehend ähnlich, allerdings setzten sich die privaten „Spätverkäufe“ durch, an denen sich nach der Wende ein typischer Ost-West-Konflikt entzündete: Sie passten nicht mehr ins West-Gesetz.

Geblieben an diese Zeit ist die Erinnerung an ausgestorbene Einkaufsstraßen und den Zwang, am Sonnabend relativ früh aufzustehen, um die Besorgungen erledigen zu können. Schlossen die Geschäfte, leerte sich die Stadt im Eiltempo. Wer als Autofahrer nicht mit dabei war, der mied die Innenstadt – es handelte sich um den abendlichen Berufsverkehr, von dem heute kaum noch jemand redet.

Wer bei Ladenschluss etwas vergessen hatte und es nicht im äußerst knappen Sortiment der Tankstellen fand, der suchte in West-Berlin die kleinen Supermärkte auf, die sich in den U-Bahnhöfen Schlossstraße und Kurfürstendamm versteckten – und juristisch in derselben Grauzone wie heute der Hauptbahnhof. Speziell der Laden in der Schlossstraße war unter Kennern beliebt, weil er viele Produkte von Feinkost-Nöthling nebenan anbot, freilich zu dessen gesalzenen Preisen plus Spätzuschlag. Dies war praktisch die einzige Berliner Quelle für Spontan-Champagner. Kurioserweise hatte der Bahnhof Zoo, der ja die Rolle des West-Berliner Hauptbahnhofs spielte, in dieser Richtung überhaupt nichts zu bieten; hier ist nur die Schlange der Wartenden in Erinnerung geblieben, die sich am Samstagabend über die Zeitungen mit den Wohnungsanzeigen hermachten.

Am 1. November 1996 kam die Lawine der Lockerungen ins Rollen. 6 bis 20 Uhr, sonnabends bis 16 Uhr, das war ein erster Schritt, der allerdings das Ende für den langen Donnerstag bedeutete. Die nächste Veränderung vom 1. Juni 2003 betraf überwiegend den Sonnabend, der nun ebenfalls bis 20 Uhr freigegeben wurde – hier wandelte sich das Bild nun grundsätzlich. Die heutige Regelung kam 2006, als der Bund seine Gesetzgebungskompetenz im Zuge der Föderalismusreform an die Länder abgab und damit die Grundlage für einen Flickenteppich schaffte. Berlin preschte noch vor Weihnachten desselben Jahres mit einer „6-x-24-Regelung“ voran, also der Abschaffung des Ladenschlussgesetzes von Montag bis Sonnabend. Darüber hinaus machte es den Weg frei für maximal zehn verkaufsoffene Sonntage. Die anderen Bundesländer fanden meist ähnliche, im Detail aber abweichende Regelungen.

Im Vergleich zur Situation der achtziger Jahre ist das Einkaufen eindeutig entspannter geworden, und auch die wachsenden Touristenzahlen gelten als Erfolg der Liberalisierung. Doch die Hoffnungen der Nachtschwärmer, die vom Rund-um-die-Uhr-Einkauf in der ganzen Stadt träumten, haben sich nicht erfüllt. Alle größeren Aktionen in dieser Richtung erwiesen sich als wirtschaftlich nicht tragfähig.

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