Berlin : Lächeln für den König

Beim Karneval der Kulturen am Pfingstsonntag säumten rund 800 000 Zuschauer die Straßen Gestern wurde eine thailändische Tanztruppe als die beste unter den fast 100 Gruppen des Umzugs ausgezeichnet

Sebastian Leber

Was tut man nicht alles für den König. Weil Thailands Monarch Bhumibol Adulyadej der Große am kommenden Freitag sein 60. Thronjubiläum feiert, schoben die Mitglieder der Tanzgruppe „Thai-Smile“ am Sonntag einen großen Wagen vor sich her – viereinhalb Stunden lang. In dessen Mitte stand das Bild des Königs, daneben saßen vier junge Frauen zur Zierde. Die hatten von allen die schwierigste Aufgabe: die ganze Zeit auf Knien sitzen, stillhalten und in die Menge lächeln. „Am Ziel waren meine Beine so eingeschlafen, dass ich vom Wagen heruntergetragen werden musste“, sagte Thapani Siphithak, eine der Sitzenden. „Aber es hätte noch schlimmer kommen können: Meine Freundin musste dringend zur Toilette.“

Ihre Qualen haben sich gelohnt. „Thai-Smile“ hat den Preis für die beste Gruppe des diesjährigen Karnevals der Kulturen bekommen. Zum elften Mal fand der Umzug bereits statt, fast 100 Gruppen und 4300 Tänzer zogen ab Sonntagmittag vom Hermannplatz über die Gneisenaustraße bis zur Yorckstraße. Und weil es von kurzen Schauern abgesehen trocken blieb, standen gegenüber dem Vorjahr wieder mehr Zuschauer an der Strecke: 800 000. Inklusive Straßenfest und Kinderumzug zählten die Veranstalter von der „Werkstatt der Kulturen“ 1,3 Millionen Besucher an vier Tagen.

Der Umzug am Sonntag begann traditionell mit dem Aufmarsch der weiß gewandeten Tänzer der brasilianischen Gruppe Afoxé Loni, die – gemäß ihren Wurzeln im nordbrasilianischen Bahia – die Straße für den Karnevalszug reinigten. Schon die dritte Gruppe hatte sich dem Thema Fußball verschrieben: Eine knappe Woche vor Beginn der Weltmeisterschaft schleppte die „Freie Narrenzunft Wannweil“ zwei Leichtmetalltore durch die Straßen. Andere Gruppen trugen Fußbälle als Mützen, kickten Bälle vor sich her oder hatten sich Spielfelder auf ihren Wagen gemalt. Insgesamt dominierte wieder die klassische Rollenverteilung: Die Frauen waren fürs Tanzen zuständig, die Männer fürs Schilderhalten und Karrenschieben. Zum Glück konnten sie regelmäßig anhalten und Kraft tanken, denn wie üblich kam der Zug nur sehr langsam voran. Lediglich gegen 18 Uhr zog das Tempo kurz an: Da setzte Regen ein, und wer es nicht mehr weit bis ins Ziel hatte, begann zu joggen. Alle anderen tanzten einfach weiter. Im Vergleich zum Vortag gab es sowieso keinen Grund zur Beschwerde: Beim Kinderkarneval waren 300 Hartgesottene bei strömendem Regen vom Mariannenplatz zum Görlitzer Park gezogen. Dabei fiel so viel Wasser vom Himmel, dass einige Kostüme hinterher nicht mehr zu gebrauchen waren. Das Straßenfest rund um den Blücherplatz war am Sonnabend schwach besucht, gestern Nachmittag dafür umso besser. „Jetzt könnten wir locker noch drei Tage weiterfeiern“, hieß es beim Veranstalter.

„Berlin bekennt Farbe“ lautete das Motto des diesjährigen Umzugs, und dieser Spruch sei nicht zufällig gewählt, befand der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit am Wegesrand. „Hier sieht man: Integration findet tatsächlich statt, denn alle Nationen mischen sich miteinander.“ Angesichts der fremdenfeindlichen Vorfälle der vergangenen Wochen sagte Wowereit, es gebe in Deutschland nur wenig intolerante Menschen: „Die Mehrheit darf sich das nicht gefallen lassen, sondern muss aufstehen und zeigen: Wir sind tolerant.“

Besonders tolerant musste am Sonntag Pia Ahmed sein. Die Zehnjährige tanzte mit ihren Eltern bei der Gruppe „Safo-Bangladesh“ mit und sah in ihrem edlen Sarigewand und mit gelber Farbe im Gesicht so niedlich aus, dass sie ständig von Fotografen belagert wurde. „Hab mich aber nicht stören lassen und bis zum Ende durchgehalten“, sagte sie hinterher. Ob die lange Strecke nicht zu viel ist für eine Zehnjährige? „Kein Problem, den ersten Karneval bin ich mit sieben gelaufen.“

Die CD „Karneval Hits 2006“ mit den Gewinnertiteln des Musikwettbewerbs und die offiziellen T-Shirts kann man im Internet unter www.karneval-berlin.de bestellen.

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