Länderfusion Berlin und Brandenburg : Das Zentrum liegt nicht unbedingt in Mitte

Die Debatte einer Fusion von Berlin und Brandenburg wird neu geführt. Aber wo liegen eigentlich die Mittelpunkte der beiden Bundesländer? Die Suche führt zu überraschenden Ein- und Aussichten.

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Wahrzeichen der Hauptstadt: Das Brandenburger Tor in Berlin-Mitte.
Wahrzeichen der Hauptstadt: Das Brandenburger Tor in Berlin-Mitte.Foto: dpa

Die Tage werden kürzer, die Nacht beginnt dank Zeitumstellung kurz nach der Mittagspause. Zeit für abendfüllende Gedanken. Einer handelt von der neuen Rolle der Hauptstadt in einem gemeinsamen Brandenburger Bundesland mit Berlin als Mittelpunkt. Wir wären doch der Mittelpunkt, nicht wahr?! Diese Frage führt zu einem Thema, das Enthusiasten locker durch den Winter bringt. Mittelpunkte lassen sich nämlich auf fast beliebig viele Arten finden. Und fast alle führen zu verschiedenen Ergebnissen. Ein weites Feld, ein stilles Wasser. Ein Loch in der Landkarte, ein Stein im Gebüsch. Na dann, ab durch die Mitte, die nicht unbedingt in Mitte liegt.

Im 19. Jahrhundert, als Wilmersdorf noch ein Dorf wie Hellersdorf war, hatte Berlin mal ein Landesvermessungsamt. Jetzt ist Vermessung Bezirkssache, weil meist mit Bauplanung verbunden und folglich dezentral. Beim Senat gibt es aber eine Abteilung Geoinformation, und dort gibt es Detlef Hardel, der in den 1990ern Berlins Mittelpunkt berechnet hat. Das Ergebnis ist in Gestalt einer Granitplatte zu besichtigen, die Peter Strieder in seiner Frühzeit als Stadtentwicklungssenator enthüllt hat. Nicht in Mitte, sondern knapp südlich davon in Kreuzberg, Alexandrinenstraße, an der Kreuzung zweier Gehwege zwischen Schule und Sportplatz. Herbstlaub und Graffiti haben sich auf die Platte gelegt. Man erwartet ein Aushängeschild und findet eine Art Grab, errichtet mit freundlicher Unterstützung der Steinmetzinnung.

Hardel und die Stecknadel

Hardel hat den Punkt nach der „Stecknadelmethode“ bestimmt, die auch für Laien anschaulich und international etabliert ist: Man klebt die Stadt auf Pappe, schneidet und tariert sie aus, bis sie auf der Nadelspitze balanciert. Wer keine Nadel zur Hand, aber wie Hardel Ahnung von Mathe hat, kann den geometrischen Schwerpunkt meterscharf berechnen – und sollte auf 52 Grad, 30 Minuten, 10,4 Sekunden nördlicher Breite sowie 13 Grad, 24 Minuten und 15,1 Sekunden östlicher Länge kommen.

Auf Nachfrage kann Hardel allerdings acht weitere Stadtmittelpunkte benennen, von denen einer direkt neben dem aktuellen und die anderen sieben in Mitte liegen. Drei drängen sich an der Leipziger Straße: Wo die Seydelstraße mündet, beginnt die Fernstraßenkilometrierung. Ein paar Schritte westwärts befinden sich die Standorte einer historischen Postmeilensäule von 1730 sowie von deren Kopie an den Spittelkolonnaden, die als historische Mittelpunkte gelten. Drei Konkurrenzpunkte liegen etwas weiter nördlich: Preußische Unterlagen verzeichnen das Schloss als Nabel der Stadt. Symbolische Orte, allesamt.

Das Statistische Landesamt schließlich verfrachtete den Mittelpunkt auf den Turm des Roten Rathauses, aber das ist Behördenwillkür. Ferner tun sich immer mal wieder pensionierte Wissenschaftler als Hobbyzentralisten hervor. Einer verlegte den Punkt in einen Häuserblock in Nordneukölln zwischen Landwehrkanal und U-Bahnhof Schönleinstraße. Dazu berechnete er jeweils die halbe Strecke zwischen den Extremkoordinaten der Stadt in Nord und Süd, Ost und West. Ein Blick auf den Stadtplan zeigt die Schwäche dieser Variante: Sie ignoriert, dass Berlin im Norden schmalschultrig beginnt und im Süden auf breiten Backen sitzt.

Mittelpunkt am Fahrlander See?

Bevor der Kopf raucht und die Nacht kommt, fährt man raus nach Brandenburg, wo 2008 ebenfalls ein Rentner gerechnet und die Behörden gehandelt haben: Der Rentner fand den geografischen Mittelpunkt in einem Wäldchen am Fahrlander See. Gut fünf Kilometer nördlich von Potsdam, aber doch j.w.d.: Von der Allee zwischen Krampnitz und Fahrland zweigt ein – sogar beschilderter – Plattenweg ab, wird sandig und verläppert schließlich auf einem Hügel. Von dessen Kamm sieht man das Wäldchen und den See, in dem eine grün-weiß geringelte Metallstange steckt: Der Mittelpunkt der Mark, den die offiziellen Landesvermesser beim Nachrechnen leider vom Ufer ins Wasser verlegen mussten, was Besuche und Ich-war-hier-Fotos erschwert. Aber der See ist ein Idyll mit seinem breiten Schilfgürtel und den schnatternden Wildgänsen inmitten der Stille ringsum.

Als am weiten Himmel auch noch Kraniche rufen, kann einem ganz feierlich werden. Dieses Gefühl verfliegt allerdings bei Lektüre der Infotafel: Dieser Mittelpunkt hier ist ebenso wie der in Neukölln nach der fragwürdigen Halbe- Länge-Methode ermittelt worden. Die kess auskragende Prignitz zieht ihn nach Westen. Zufall? Oder eine Arbeitsschutzmaßnahme, weil Brandenburg in der Mitte ein Loch namens Berlin hat und deshalb die Stecknadelmethode blutig enden könnte? Und wenn ja: Liegt Brandenburgs Mittelpunkt etwa in Berlin? Die Erklärtafel löst das Rätsel, denn sie zeigt weitere Methoden: Man kann einen Kreis in den Umriss legen oder außen um ihn herum und den Mittelpunkt bestimmen. Das funktioniert auch mit Rechtecken als Rahmen. Noch genauer wird es mit dem schon vor mehr als 2200 Jahren von Archimedes erkannten Prinzip: Hängt man die Karte nacheinander an zwei beliebigen Umrisspunkten auf und fällt von ihnen jeweils ein Lot, ergibt der Schnittpunkt dieser beiden Linien den Mittelpunkt der Fläche.

Berlin, der Nabel der Mark

All diese Varianten haben aus Märkersicht etwas Gemeines gemein: Wie man das Land auch dreht und wendet – der Mittelpunkt liegt immer in Berlin; meistens irgendwo zwischen Reinickendorf und Pankow. Zwar ließe sich die Sache beliebig verkomplizieren, indem man etwa die Erdkrümmung und die Landmasse, also Hügel, berücksichtigt. Aber mit einem Mittelpunkt in, sagen wir, Düppel, wäre den Brandenburgern auch nicht geholfen. So bleibt nur die gute Nachricht für die Berliner: Ja, wir blieben auch im Fall einer Fusion der Nabel der Mark. Oder, wie es die Brandenburger Landesvermesser auf ihrem Schild am Fahrlander See trefflich formulieren: „Letztlich bleibt die Frage des Mittelpunktes immer eine Frage des Standpunktes.“

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