Berlin : Länderfusion: Immer mehr Berliner und Brandenburger sind für den Zusammenschluss

Reinhart Bünger

Berliner und Brandenburger können sich mehr und mehr mit dem Gedanken einer Fusion beider Bundesländer anfreunden - allerdings nur mit Einschränkungen und unter klaren Voraussetzungen. Dies ergab eine repräsentative Umfrage von Wissenschaftlern der Freien Universität, die am Freitag in Berlin vorgestellt wurde. Danach ist der Anteil der Fusionsbefürworter zwar seit der Volksabstimmung im Jahr 1996 um knapp 30 Prozent gestiegen, doch die Mehrheiten für eine Vereinigung beider Bundesländer sind instabil. Ein Drittel der Brandenburger und ein Fünftel der Berliner gaben in der Befragung ambivalente Antworten zu den Fragen einer Fusion ab.

Der Gedanke an die Fusion wird häufig mit allgemeinen Ängsten verbunden, vor allem in der Mark. Eine schnelle Fusion fände eine knappe Mehrheit in Berlin, jedoch keine Mehrheit in Brandenburg. Die Brandenburger bevorzugen einen Fusionszeitraum bis 2010, während die Berliner zu einem möglichst schnellen Zusammenschluss tendieren. Befragt wurden im Mai/Juni dieses Jahres 1850 Berliner und Brandenburger ab 18 Jahre. Die Untersuchung des Otto-Stammer-Zentrums wurde von der Deutschen Paul-Lazarsfeld-Gesellschaft finanziert.

Besonders deutlich werden die Einstellungen und Befürchtungen in den erhobenen "Extremgruppen" - wenn etwa West-Berliner mit Menschen in den weit von der Metropole entfernt liegenden, ländlichen Regionen Brandenburgs ins Verhältnis gesetzt werden. Diese Gruppen sind sich fremd geblieben, sie reagieren sehr unterschiedlich auf berlin-brandenburgische Grundsatzfragen. Während zwei Drittel der West-Berliner an einer Fusion wenig Problematisches finden können, gaben zwei Drittel der Brandenburger Ängste vor einer Dominanz der Hauptstädter zu Protokoll. In das andere Bundesland wechseln würde weder die Mehrheit der West-Berliner noch die der Brandenburger im Zuge einer Fusion. Allein die Ost-Berliner scheinen beim Stichwort Wohnortwechsel flexibel: Über zwei Drittel der ehemaligen DDR-Hauptstädter können sich ein Leben in Brandenburg vorstellen. Gleichwohl finden sich Berliner und Brandenburger sympathisch - aber nur im Mittel betrachtet und "in Grenzen", wie Oskar Niedermayer vom Otto-Stammer-Zentrum der FU kühl analysierte. Ein Viertel der West-Berliner könne die Brandenburger ohnehin nicht einschätzen, weil ihnen die Kriterien dafür fehlten. Die persönlichen Kontakte von Brandenburgern und Berlinern nehmen mit wachsender räumlicher Distanz ab. Zwei Fünftel der Brandenburger aus der stadtfernen Region hatten noch niemals Kontakt mit West-Berlinern.

Während Ost- und West-Berliner einander überwiegend sympathisch finden, schlagen die Sympathiewellen der Ost-Berliner für die Brüder und Schwestern in der Mark doch deutlich höher als die der West-Berliner für die weit entfernt lebenden Märker. Am größten ist die gegenseitige Sympathie zwischen den Ost-Berlinern und den Brandenburgern im Speckgürtel. Die in Randgebieten angesiedelten Märker erwidern das Verhältnis, das die West-Berliner ihnen gegenüber pflegen: Beide Gruppen finden einander nur mäßig sympathisch.

In der Untersuchung ist ein Zustimmungsgefälle auszumachen: Die West-Berliner befürworten die Länderehe mit 78 Prozent am stärksten, die Märker in den Randregionen dagegen mit 58 Prozent deutlich geringer. In den stadtfernen Gebieten sprachen sich auch nur 28 Prozent der Befragten für eine möglichst rasche Fusion aus, im so genannten Speckgürtel waren es 40 Prozent, in Ost-Berlin 46 Prozent und in West-Berlin 54 Prozent.

Bei den politischen Eliten beider Länder gibt es eine Mehrheit für eine Fusion, ergab eine weitere Befragung von 73 Politikern und Beamten. Als Voraussetzung wird die Lösung der Finanzfragen angesehen. Als Zeitpunkt für eine Volksabstimmung über die Fusion findet sich eine relative Mehrheit für das Jahr 2007. Für die Bildung eines gemeinsamen Landes wird 2009 favorisiert.

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