Lärmbelästigung : Verkehr in Berlin soll künftig leiser werden

Der Lärm in der Hauptstadt gefährdet die Gesundheit von 200.000 Menschen. Versuche mit Tempo 30 und Schallschutz für die Stadtbahn sollen endlich wieder Ruhe bringen.

Stefan Jacobs

Berlin hat ein riesiges Lärmproblem, geht aber vorerst nur punktuell dagegen vor. Das ist das Fazit des gestern präsentierten „Lärmaktionsplanes“ der Verwaltung. Nach Auskunft von Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) wohnen knapp 200 000 Berliner an Hauptverkehrsstraßen, deren nächtlicher Lärm zweifellos gesundheitsschädlich sei. Betroffen seien 310 Straßenkilometer – rund 40 Prozent des Hauptstraßennetzes. Zählt man dazu noch die Straßen mit „nur“ potenziell gesundheitsschädlichem Lärm, sind sogar fast drei Viertel des Hauptstraßennetzes betroffen.

In den nächsten drei bis fünf Jahren will der Senat sich zumindest manche der lautesten Straßen vornehmen. Dazu sollen zunächst vier Strecken versuchsweise so umgestaltet werden, dass der Lärm abnimmt: Brandenburgische, Drontheimer und Dudenstraße sowie die Prinzenallee. Dazu wird beispielsweise ein Teil der Fahrbahn für Radler und Busse reserviert. Nachts gilt Tempo 30. Allgemein gelten auch Lkw-Fahrverbote und veränderte Ampelschaltungen als Mittel gegen Straßenlärm. Eine große stadtweite Tempo-30-Offensive soll es nicht geben; nur auf einigen Teilstrecken muss nachts langsamer gefahren werden. Nach Auskunft von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) soll von 100 untersuchten Hauptstraßenkilometern nur auf rund 50 nachts Tempo 30 gelten. Auf den anderen 50 Kilometern bleibe „wegen anderer Verkehrsbelange“ alles beim Alten. Typische Gründe seien BVG-Nachtbusse, die bei Tempo 30 ihre Anschlüsse verpassen würden, sowie der Liefer- und Wirtschaftsverkehr.

Während den Grünen die Vorhaben nicht weit genug gehen, bezeichnen Wirtschaftsverbände das Senatskonzept als teilweise „realitätsfremd und untauglich“. So seien Straßensanierungen viel hilfreicher als kurze 30er-Abschnitte.

Nach Auskunft von Experten halbiert sich der empfundene Lärm, wenn statt 50 nur noch Tempo 30 gefahren wird. Auch Straßenschäden verursachen viel Lärm. Der oft geforderte „Flüsterasphalt“ nützt nach Auskunft von Berlins oberstem Verkehrsplaner Friedemann Kunst bei Geschwindigkeiten unter 50 Stundenkilometer dagegen nichts.

Zweitgrößte Berliner Lärmquelle ist der Bahnverkehr. Speziell die Trasse, die sich vom Karower zum Grünauer Kreuz längs durch den Osten zieht, gilt als Problem. Abhilfe sei nur mit Unterstützung des Bundes möglich, sagte Lompscher. Zugleich verhandele man mit der Bahn über Schwingungsdämpfer und Minischallschutzwände an der Stadtbahntrasse.

Veranlasst wurde der Aktionsplan durch eine EU-Lärmrichtlinie. Anders als etwa bei der Feinstaubbelastung gibt es aber keine Grenzwerte, deren Einhaltung die Bürger einklagen können.

Der Plan wird beim Umweltfest am Sonntag am Brandenburger Tor präsentiert – und ab Montag in mehreren Rathäusern sowie online unter www.berlin.de.

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