Berlin : Lässiges Blech

Ernst und zugleich ironisch sein ist möglich: Die Zentralkapelle Berlin wird zehn und feiert sich selbst mit einem Jubiläumskonzert im Kammermusiksaal.

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Kammermusiksaal, ja? So ganz klingen die „Armenian Dances“ von Alfred Reed aber noch nicht danach. Montagabend im Mehrzweckraum einer Kreuzberger Schule. Das lässigste Amateurblasorchester der Stadt probt, aber noch recht rumpelig. Dissonanzen im Blech, Rhythmusprobleme im Holz, der Dirigent rauft sich die Haare, fragende Blicke unter Hörnern und Oboen. Na, das muss bis nächste Woche aber noch besser werden. Da feiert die Zentralkapelle Berlin ihren 10. Geburtstag mit einem großen sinfonischen Blasmusikkonzert.

Rund 50 Feierabendmusiker vor rund 1000 freien Plätzen, das ist so richtig nach dem Geschmack der Truppe, die bei Theater- oder Filmprojekten auftritt, und Platzkonzerte vor möglichst viel buntem Volk beim Myfest, der Fête de la Musique oder Pfingsten im Zoo spielt. Die dabei über die gerne angenommenen Freigetränke hinaus verdiente Gage haut die 2002 im Wohnzimmer von Dirigent Steffen Kepper gegründete Kapelle dann einmal im Jahr wieder auf den Kopf – beim stets rappelvollen Sommerkonzert in Abendgarderobe, mit mehreren Schlagwerkern und allem sinfonischen Zierrat. Dieses Mal – nach drei Jahren im Kesselhaus der Kulturbrauerei – erstmals im Kammermusiksaal.

Fredrik Barkenhammar (Saxofon, 41, Schwede, Pressereferent) und Peggy Matzner (Horn, 34, Sächsin, Grafikerin), die von Anfang an dabei sind, haben keine Angst, dass das Abenteuer in die Hose geht. Schließlich strebt die Kapelle, wie nach der Pause beim Proben von Nino Rotas Filmmusik zu „Der Pate“ dann auch endlich zu hören ist, genauso nach Qualität wie nach Spaß. „Immerhin proben wir ein ganzes Jahr für ein einziges Konzert“, sagt Fredrik Barkenhammar, der seine seit Malmöer Schulzeiten brachliegenden Saxofon-Kenntnisse in den vergangenen Jahren ziemlich ausgebaut hat. So nach dem für die Zentralkapelle typischen Motto „Hey – das wird schon!“. Musikalische Standbeine seien sinfonische Blasmusik, Filmmusik und zünftige Blasmusik, sagt er. Und Peggy Matzner ergänzt: „Zünftige Unterhaltungsmusik muss bei Blech schon sein.“ Die Noten für diese bei Kindern und Biertrinkern extrem beliebten Einlagen bewahrt die Zentralkapelle in ihrem sogenannten schwarzen Ordner auf. Was da drin ist? Na, Polkas, Märsche wie „Die Berliner Luft“, ein Udo-Jürgens-Schlagermedley oder „Der Schneewalzer“ und „Biene Maja“. Mit diesem Repertoire haben sie bei der Fête de la Musique schon manche Reggae-Band ausgeknockt.

Überhaupt beweist das Non-Profit-Orchester, das als munter dilettierender Freundeskreis ehemaliger Musikschüler und Berlin-Zuzügler begann, dass ein ernsthaftes Leben im ironischen möglich ist. Klar gehe es in erster Linie darum, die sinfonische Blasmusik gut zu Gehör zu bringen, sagt Steffen Kepper, 36 und tagsüber Pilot. „Wenn man die Musik nicht ernst nimmt, macht sie keinen Spaß“. Sonst lohne die ganze Mühe nicht, die ein so großes, selbst finanziertes Orchester schon organisationsmäßig mache. „Aber wir spielen auch gerne mal Quatsch oder drehen lustige Kurzfilmchen.“ Um die Blasmusik ironisch zu brechen und vom Ruch des Spießigen zu befreien? Kepper nickt. „Aber nicht aus Angst vor Spießigkeit, sondern weil das unsere Sprache ist.“ Dazu gehören auch Kommentare wie „Schönes Geholze!“, die Kepper in den Saal ruft, wenn der Tönesalat der Musiker mit den Ökobieren unterm Notenständer schwer zu bändigen ist.

Dass Blasmusik machen eine coole Sache ist, ist hier keine Frage. Es gibt Orchestermitglieder, die zusammen in Urlaub fahren, heiraten, Kinder bekommen. Für die Dresdnerin Peggy Matzner ist es gar der Grund, hier zu leben. „Ich hab’ mich zu 50 Prozent in meinen Mann verliebt und zu 50 Prozent in die Kapelle.“

Kammermusiksaal der Philharmonie, Sa 5. Mai, 20 Uhr, 12 Euro, Infos und Karten unter: www.zentralkapelle.de, Aftershowparty ab 22.30 Uhr im Horst Krzbrg, Tempelhofer Ufer 1

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