Berlin : „Lästig – und eher schädlich“

Parteibasis hält nicht viel von Wowereits Vorstoß

Christoph Stollowsky

Am liebsten würden sie über dieses Thema gar nicht reden. Schließlich wollen sie jetzt mit dem Wahlkampf so richtig beginnen. Da sind öffentlich vorgetragene Spekulationen den Genossen „lästig und erscheinen vielen eher schädlich“. So fasst der 63-jährige Ulrich Haneke aus Kreuzberg die Stimmung an der SPD-Basis zusammen. Doch am Sonnabend, gleich zu Beginn des sozialdemokratischen Landesparteitages in der Kongresshalle am Alexanderplatz, waren die umstrittenen Überlegungen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zu möglichen Bündnissen mit der neuen Linkspartei ein großes Thema. Die SPD-Chefs im Bund und in Berlin, Franz Müntefering und Michael Müller, äußerten sich klar ablehnend. Und so wurde das Für und Wider um Wowereits Vorstoß denn auch in den Pausen an den Café-Tischen lebhaft diskutiert. Zumal Klaus Wowereit in diesem Zusammenhang auch als künftiger SPD-Chef auf Bundesebene im Gespräch ist, sollte seine Partei bei der Wahl scheitern.

Kein Wowereit mehr im Rathaus? Das mag sich kaum ein Parteifreund so recht vorstellen. Im Vordergrund müsse jetzt erst einmal der Wahlkampf stehen, sagen viele. Und: „Ballast können wir bei dieser Hauruck-Aktion nicht gebrauchen“, meint etwa Ulrich Haneke, seit 30 Jahren SPD-Mitglied und entschiedener Befürworter von Hartz IV. Deshalb habe er gedacht „um Gottes Willen“, als der Regierende ein mittelfristiges Zusammengehen mit der Linkspartei erwog, die den sozialpolitischen Kurs der rot-grünen Bundesregierung hart angeht. „Wie sollen wir das draußen am Infostand vertreten?“ Andreas Tetzlaff, Neuköllner BVV-Mitglied, sieht das ähnlich. Der 29-Jährige trat 1995 in die SPD ein, weil er „Schröders Politik der gesellschaftlichen Mitte“ richtig fand. Das „Duo Gysi-Lafontaine“ ist für ihn der Wahlkampfgegner. „Gegen die müssen wir uns klar abgrenzen.“

Die Delegierten nehmen zur Kenntnis, dass und wie der Regierende auch in der Kongresshalle seine bundesweiten rot-roten Spekulationen relativiert. Vertreter aus den Ostbezirken äußern sogar Verständnis für Wowereits Gedankenspiele. „In Berlin haben wir die PDS ja als verlässlichen Partner auf Bezirks- und Landesebene kennen gelernt“, meint der 28-jährige Kreisvorsitzende von Marzahn-Hellersdorf, Sven Kohlmeier. Wowereit habe eine richtige Diskussion angestoßen – nur zu früh. „Es hätte erst nach der Wahl kommen dürfen.“

Der Schnellstart in den Wahlkampf zwinge die Sozialdemokraten, „nun unbeirrt nach vorn zu blicken“, sagt die Reinickendorferin Christina Illigner, seit 40 Jahren Mitglied der Partei – und ermahnt noch einmal kurz den Regierenden Bürgermeister: „Man redet nicht über spätere Schachzüge, wenn man den nächsten erst mal erfolgreich hinbekommen will.“

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