Berlin : Lagebericht

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VON TAG ZU TAG

Von Lothar Heinke

Die Eingeschlossenen der Wilhelmstraße: Unser Reporter wohnt zufällig in jenem Gebiet, das für zwei Tage zur Sperrzone erklärt wurde und damit vorrübergehend in den Mittelpunkt des Weltinteresses gerückt ist. Deswegen an dieser Stelle während des Bush-Besuchs das Tagebuch der Belagerung.

Die Ruhe vor dem Sturm möchten wir nicht sagen, eher: Die Ruhe vor der Stille. Heute früh werden die Absperrgitter in Position gebracht, und dann steigt die Spannung: kommt man raus aus dem Haus und wie wieder rein, muss ich die hauchdünnen Parma-Scheiben vom Schinken-Becker einzeln vorführen, wie verfährt man mit einem Glas Pflaumenmus, werden Makkaroni als hochexplosiv eingestuft? Die ersten Polizisten und Politessen, die sich an der Ecke der Wilhelm- und Behrenstraße langweilen, sehen – noch – sehr freundlich aus, Menschen wie du und ich, die sich nur vom Dir und Mir in ihrem etwas martialischen Aufzug mit Pistolen und Schlagstöcken unterscheiden. Auf dem Dach des Adlon tauchen immer wieder neue Gesichter und Gerätschaften auf. Nun haben Techniker nach dem vierten auch die Hotelzimmer des fünften Stocks in ihrer Gewalt, aus den Fenstern laufen Kabel zu den Satellitenschüsseln und Sendeantennen – wenn der Chef des Weißen Hauses heute Abend nach Berlin kommt, ist die Welt-Verbindung schon da, das Rote Telefon muss nur noch eingestöpselt werden. Vor dem Adlon konnte man gestern ganz gemütlich Kaffee trinken. Im Innern ging der Betrieb seinen üblichen Gang; alles war wahr und doch wieder schöner Schein, denn die Geheimagenten des Präsidenten haben ja kein Schild um den Hals. Heute sieht das alles anders aus: Leerer Platz, nervöse Hubschrauber, geschlossene Geschäfte, weder Winkelemente noch Jubler. Eigentlich schade.

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