Berlin : Land des Lächelns

Tourismuswerber und WM-Organisatoren stellen ihre Freundlichkeitsoffensive für die Gastgeber vor

Marc Neller

Petra Hedorfer tritt vor ihr Publikum wie die Chefin einer exklusiven Parfümerie. Sie trägt ein dunkelblaues Kostüm, darunter eine feine Bluse, in ihren Ohren stecken goldene Kreolen. Sie ist sehr sorgfältig geschminkt. Die Parfümerie, für die Frau Hedorfer sich empfiehlt, ist Deutschland. Und die Produkte, die sie vor allem für die Filiale Berlin bestellt, sind: freundliche Menschen.

Im Sommer ist Deutschland Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft. Tourismusverbände und die WM-Organisatoren haben eine „Nationale Service- und Freundlichkeitskampagne“ ins Leben gerufen. Frau Hedorfer ist ins Hotel Intercontinental gekommen, um zu erklären, was es mit dieser Kampagne auf sich hat. Und warum Berlin dabei eine besondere Rolle spielt. Petra Hedorfer ist die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus.

Erst einmal geht es um Zahlen. Petra Hedorfer wirft mit einem Laptop Statistiken, Tabellen und Säulendiagramme an eine Leinwand. Die Zahlen sagen, dass im vergangenen Jahr fünf Prozent mehr Menschen aus dem Ausland nach Deutschland reisten als 2004. Dass Berlin im Ausland die mit großem Abstand bekannteste deutsche Stadt sei. Und dass das eine besondere Verpflichtung für die WM bedeutet. Eine Steilvorlage für Hanns Peter Nerger.

Der Chef der Berliner Tourismus-Werber wird später sagen, dass drei von vier ausländischen Touristen, die schon mal in Berlin waren, wiederkommen wollten. Und dass das ein Spitzenwert sei. Er lächelt sehr entspannt. Der Berliner sei entgegen gängiger Klischees kein Muffel. Nerger sagt aber auch: Er wünsche sich, dass die Fahrer von Bahnen und Bussen im Sommer in der Lage sein werden, den Touristen wenigstens in Englisch zu erklären, wo sie Fahrkarten kaufen können oder wo sie eine Toilette finden. Und dass die Geschäfte möglichst lange geöffnet bleiben dürfen. Die Gastwirte sollen bitte nicht schon um zehn Uhr abends die Gehsteige vor ihren Lokalen hochklappen. „Da ist durchaus noch Potenzial vorhanden“, sagt Nerger.

Petra Hedorfer sagt, die nationale Servicekampagne solle „durch eine gesteigerte Service-Bereitschaft vor, während und nach der Weltmeisterschaft das positive Image Deutschlands als Reiseland nachhaltig stärken und zu einer Steigerung des zukünftigen Incomings führen“. Wahrscheinlich ist es nicht sehr freundlich, zu behaupten, dass man für solch einen Satz einen Übersetzer braucht. Frei übersetzt bedeutet es, dass Deutschland im Allgemeinen und Berlin im Besonderen einen ähnlich begeisterten Eindruck hinterlassen sollen wie Sydney während der Olympischen Spiele: Damals sah man im Fernsehen gut gelaunte, begeisterungsfähige Menschen, die viel lächelten und lachten. Und alles lief glücklich. Sydney war ein Gastgeber der Superlative, ein prächtiges Schaufenster seines Landes.

Frau Hedorfer macht vor, wie man so etwas hinbekommt. Draußen ist ein trüber Januarnachmittag, sie spricht in einem nüchternen Tagungssaal, trägt trockene Statistiken vor. Und doch konterkariert sie die Trübnis mit einem ausgesprochen freundlichen Halstuch: gelb, orange, pink. Manchmal braucht es gar nicht viel, um freundlich zu wirken. Aber zur Sicherheit lässt es sich die Bundesregierung drei Millionen Euro kosten, um die Freundlichkeit der Deutschen zu steigern. Der Bundeswirtschaftsminister und der Bundesinnenminister geben für die Kampagne aus ihren Etats jeweils die Hälfte.

Vielleicht muss man es so sehen: Man trägt die Freundlichkeit wie ein teures Parfum oder ein hübsches Halstuch, und die gewünschte Wirkung stellt sich von selbst ein. Petra Hedorfer jedenfalls stellt für die WM-Zeit viele Touristen in Aussicht – und gute Geschäfte. Das allein dürfte die Laune schon heben. „Bei der EM in den Niederlanden und Belgien im Jahr 2000 lagen die Umsatzsteigerungen im Wettbewerbsmonat im zweistelligen Bereich.“ Wozu dann noch die Kampagne? Die Frage bleibt allerdings unbeantwortet.

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