Berlin : Land des Lächelns

Über 10 000 Besucher beim Erntefest der Domäne Dahlemer Freilichtmuseum will mehr bieten

Christian van Lessen

Heike Lausch, ihr Mann Oliver und der eineinhalbjährige Sohn Johannes lächeln. „Das schöne Wetter, wie bestellt.“ Sie blicken auf drei schwarze Schafe und amüsieren sich. Familie Wittjen strahlt, weil es so „witzig und kinderleicht“ war, vier Kilo Kartoffeln zu ernten. Selbst Domänen-Betriebsleiterin Astrid Masson, die mit dem Traktor zuvor die Erntekartoffeln gerodet hat, lächelt. Auch wenn sie unwissenden Großstädtern immer wieder geduldig erklären muss, was „stoppeln“ heißt, wie auf Verbotstafeln zu lesen ist.

Stoppeln – nachsammeln – darf gestern keiner auf der Domäne Dahlem, denn beim Erntefest an der KöniginLuise-Straße ist offiziell genug zum Selbsternten erlaubt, die Kartoffeln werden säckeweise abgeschleppt. Außerdem gibt es die vielen Stände und den Hofladen. Oder die alte Apfelpresse, auf der Friedrich Galster die Früchte aus der Domäne zu Saft schreddert. Besuchern fällt auf, dass es kaum einen anderen Ort in Berlin gibt, an dem so viele Leute lächeln und zufrieden wirken. Es muss die Landluft sein.

Die Pferde, Schafe, Kühe, die Felder, Äcker, Ställe, das Gutshaus – das ist und bleibt so rührend fremd für Berlin, wirkt anziehend. Nicht nur Kinder sind stets verblüfft, wenn sie hier so plötzlich auf dem Land sind. Traurig werden sie nur, wenn sie an einer Koppel erfahren, dass ein Tier verendet ist, weil es von Besuchern gefüttert wurde, wie Pony „Pik“.

Feste wie das am vergangenen Wochenende sind für die Leitung des Freilichtmuseums beruhigend. Wieder mehr als 10 000 Besucher. Wenn sonntags die U-Bahn-Linie 3 Richtung Dahlem-Dorf rappelvoll ist, kann es meist nur einen Grund geben. Die Domäne hat ihre Stammkundschaft, die Zahl der Feste von früher vier auf inzwischen bis zu 15 erweitert. Im November wird es beispielsweise einen Textilhandwerksmarkt geben. Als Bio-Bauernhof haben sich die Dahlemer längst einen Namen gemacht.

Fast vergessen scheint, dass die Domäne, das einstige Stadtgut mit über 800-jähriger Geschichte, in den 80er Jahren ernsthaft in Gefahr war. Die FU wollte auf einem Großteil des Geländes, auf dem damals noch ein Sendemast des Soldatensenders AFN stand, ein Sportzentrum bauen. Die Bürgerinitiative Freunde der Domäne Dahlem erhielt Auftrieb. Dann sollten Wohnhäuser am Feldesrand entstehen. Im Flächennutzungsplan ist das Gesamtareal inzwischen als Entwicklungsraum für das Freilichtmuseum gesichert, sagt Domänensprecherin Jacqueline Jancke. Sie sieht Potenziale. Zu den Feldern, Tieren, Äckern, dem Hofladen könnte sich traditionelles Verarbeitungshandwerk gesellen: eine Bäckerei, Molkerei, Käserei, Fleischerei, auch eine kleine Brauerei. Aber es gibt Unwägbarkeiten. Noch gehören die Dahlemer zur Stiftung Stadtmuseum Berlin. Aber es soll eine andere Trägerschaft gefunden werden. Ein neues Stiftungsmodell sei gerade in Arbeit, das die Eigenständigkeit der Domäne sichern soll, beruhigt Jacqueline Jancke.

Begonnen hat – gefördert durch den EU-Sozialfonds – das Projekt „Living History“. Die Domäne, die sich als Schaufenster für Agrokultur versteht, will auf lebendige Art das Leben und Arbeiten der früheren Domänen-Milchkutscher darstellen. Sie prägten bis weit in die Nachkriegszeit das Ortsbild. Es gibt auch einen nachgebautenTante-Emma-Laden. Für weitere Rollenspiele aus der Historie des alten Rittergutes Dahlem werden übrigens noch ehrenamtliche Darsteller gesucht.

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