Berlin : Land unter bei den Bäderbetrieben

Susanne Vieth-Entus

Berlins Bäderlandschaft gerät aus den Fugen. Die dramatischen Zuschusskürzungen und die Versäumnisse der Bäderbetriebe haben Löcher gerissen, die nicht mehr zu stopfen sind. Berlin hat bereits den Anschluss an die übrigen deutschen Großstädte verloren. Durch einen Investitionsstau von 160 Millionen Euro sind viele Hauptstadt-Bäder bereits auf Klein stadt-Niveau gesunken. "Die Lage ist hoffnungslos", heißt es aus dem Aufsichtsrat der Berliner Bäder-Betriebe (BBB). Weitere Bäderschließungen gelten als unabwendbar.

Noch warten alle (an)gespannt auf den 6. März, wenn der Vorstand eine aktualisierte Liste der zu schließenden Schwimmhallen vorlegen will. Aber schon jetzt ist klar, dass diese Liste nur der Anfang ist. Denn 2003 müssen abermals zwei Millionen Euro gespart werden, und bis 2006 wird der Zuschuss sogar um elf Millionen sinken. Somit bleiben nur 33 Millionen Landeszuschuss - eine Summe, die heute gerade mal die Personalkosten deckt.

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Diesen schockierenden Zahlen kann Sportsenator Klaus Böger (SPD) bisher nur vage Privatisierungspläne entgegensetzen, die einen entscheidenden Schönheitsfehler haben: Niemand weiß, ob sich genügend Investoren finden werden, um ein noch größeres Bädersterben abzuwenden. Schon unkt Werner Roepke, Verdi-Vertreter im Aufsichtsrat, dass von Berlins 48 Hallenbädern bestenfalls zwei übrigbleiben.

Fest steht bereits, dass die geplante Schließung von zwölf Bädern nicht einmal die für 2002 verlangte Einsparsumme von zwei Millionen Euro ergeben wird. Denn die Stilllegungen können erst erst Mitte des Jahres erfolgen. Wie auch immer die Schließungsliste am 6. März aussehen wird - die BBB müssen schon eine Nachfolgeliste in der Schublade haben, um 2003 die nächsten zwei Millionen Euro einsparen zu können. Zwar gehen in den nächsten Jahren rund 200 Mitarbeiter der BBB in Rente. Aber dies dürfte kaum ausreichen, um die Sparvorgaben zu kompensieren.

Hinzu kommt, dass viele Bäder in Sachen " Investitionsstau" tickende Zeitbomben sind. Abenteuerlich hoch ist der Modernisierungsbedarf beim Wannsee-Bad. Aber auch in anderen Bädern häufen sich die Schäden: Während etwa München zwischen 1997 und 2002 9,8 Millionen Mark, Bremen und Hamburg immerhin noch 2,6 bzw. 2,1 Millionen Mark pro Bad investierten, waren es in Berlin nur 0,7 Millionen im Schnitt.

Die prekäre Finanzlage ist umso dramatischer, als die BBB selbst immer wieder wie eine Laienspielschar erscheinen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1995 vermitteln sie den Eindruck, dass sie den Betrieb nicht vollständig im Griff haben. Schuld daran ist allerdings in erster Linie die Halbherzigkeit der großen Koaliton, die einerseits immer weniger Gelder investiert, gleichzeitig aber den Einfluss behalten wollte. Letztlich führte dies zu dem Rauswurf des ersten Vorstands durch Sportsenator Böger im Jahr 2000. Es folgten ein "Notvorstand" und ein Interimsvorstand, bis vor einem Jahr endlich eine neue Besetzung gefunden wurde.

Das Hin und Her in der Führungsetage hat den Bädern ungeheuer geschadet. Es heißt, dass BBB-Chef Klaus Lipinsky bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr nicht einmal eine richtige Rechnungsführung vorfand. Es gab offenbar auch keine vollstsändige Erfassung der Wirtschaftsdaten der einzelnen Bäder. Kein Wunder, dass die rot-rote Koalition keine aktuellen Daten bekam, als sie im Dezember ihre Schließ ungsliste vorlegen wollte. Die Folge war, dass der Wirtschaftsausschuss und dann auch der Aufsichtsrat der Bäderbetriebe die Liste zurückweisen musste.

"Wir sind ratlos", fasste gestern Aufsichtsratsmitglied Martin Weiland die Stimmung in dem Gremium zusammen. Angesichts der fehlenden Zuschüsse weiß auch er nicht, wie man die Lage in den Griff bekommen soll.

Am kommenden Montag werden sich die Sportarbeitsgemeinschaften der Bezirke und der Landessportbund treffen, um das weitere Vorgehen zu beraten.

Sorgenfall SEZ

Das Sport- und Erlebniszentrum (SEZ) an der Landsberger Allee steht vor dem Aus. Vom 1. Januar 2003 an erhält es vom Senat keinen Zuschuss mehr: rund 4,6 Millionen Euro fehlen dann im Haushalt des Bades. "Wenn wir keinen privaten Investor finden, müssen wir das SEZ zum Ende des Jahres schließen", sagt Manfred Rademacher. Davon wären die 147 Mitarbeiter ebenso betroffen wie die rund 800 000 Besucher, die jedes Jahr in das Bad kommen.

Mehr als 20 Millionen Euro wären nötig, um das Haus zu sanieren. Das ergab eine Analyse der Berliner Bäderbetriebe, die das SEZ 1999 von der Senatssportverwaltung übernommen hatten. Sowohl die Schwimmbecken, als auch der Saunabereich, die Heizungsanlagen und der Umkleide- und Sanitärbereich müssten dringend dem heutigen Standard angepasst werden. Zudem wurden jetzt in den Decken des Hauses asbestähnliche Fasern entdeckt. Nun müssen auch die Decken saniert werden. Um das SEZ dennoch eventuellen Investorenschmackhaft zu machen, soll das rund vier Hektar große Grundstück vom Bezirk in den Liegenschaftsfonds des Landes Berlin übertragen werden. Dann könnte es ihm mittels Erbpacht langfristig überlassen werden. Rademacher glaubt, dann wären die Investoren, die Münchener Immobilienfirma Dibag und "blub"-Betreiber Harald Frisch, wieder am SEZ interessiert. akl

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