Berlin : Land unter in Kreuzberg

Am Landwehrkanal sollen 200 Bäume fallen. Das wollen Anwohner verhindern.

Annette Kögel
Landwehrkanal Baumfreunde
Sie wollen Bäume am Landwehrkanal retten: Anke Willharms, Winfried Lücking, Anuschka Guttzeit und Arno Paulus (v.r.).Foto: Klaas

In einer idyllischen und ökologisch wichtigen Grünanlage der Stadt – dem Grünzug am Landwehrkanal – wird jetzt die Motorsäge angesetzt. „Wir sind sehr betrübt. Ich sehe fast keinen Hoffnungsschimmer mehr, das alles abzuwenden“, sagt Anke Woite, Leiterin des Amtes für Umwelt und Natur in Friedrichshain-Kreuzberg. Gestern informierten Experten der übergeordneten Bundesbehörde, des Wasser- und Schifffahrtsamts, den Bezirk darüber, dass Friedrichshain-Kreuzberg am stärksten von offenbar unabwendbaren Fällungen entlang des 1845 gebauten Kanals betroffen ist: Auf Teilstücken von elf Kilometer Länge müssen rund 200 alte, große Erlen, Weiden, Pappeln und Eschen über 30 Meter Höhe gefällt werden, weil sie durch ihr Gewicht das Ufer in die Tiefe zu reißen oder womöglich Menschen zu erschlagen drohen.

Derweil formiert sich bei Naturschutzverbänden und Anwohnern eine Bürgerbewegung, die die Fällungen verhindern will. „Rettet die Bäume am Landwehrkanal!“, steht auf Plakaten nahe der Admiralsbrücke – auf dieser wollen sich engagierte Bürger fortan täglich um 18 Uhr treffen. „Die Jogger, die Radfahrer, die Spaziergänger – sie alle werden die Lage beobachten, und wenn die Baumfällkommandos anrücken, eine Telefonkette in Gang setzen“, sagt Arno Paulus, Kreuzberger und Solarbootbetreiber. Dienstag früh um sieben stellte er sich Holzfällern und einem Kran noch entgegen, wollte Papiere sehen, alarmierte die Polizei – und verhinderte so vorerst die Fällung der ersten drei Hybridpappeln nahe der Waterloobrücke. Die Wurzeln der teils kranken Bäume wölben sich längst über die unterspülten Mauern; sie sollen voraussichtlich Freitag früh als erste Bäume im Bezirk fallen. In Charlottenburg-Wilmersdorf wurden bereits 13 Bäume gekappt. Insgesamt sollen Fällungen und Sanierung 130 Millionen Euro kosten.

„Wir wollen auf keinen Fall einen Kahlschlag, sondern werden mit Bezirk und Ornithologen jeden Baum prüfen“, sagt Mareike Bodsch, Expertin im Wasser- und Schifffahrtsamt. Dazu gehören auch die Weiden am Urbanhafen. „Man könnte doch Spundwände einziehen, statt zu fällen“, sagt Winfried Lücking, Experte vom BUND. Auch das werde geprüft, sei aber unter anderem wegen der 300 Einleitungen am Kanal oft nicht möglich, so Bodsch. In knapp drei Wochen wisse man mehr, werde Anrainer mit dem Bezirk zu einer Infoveranstaltung einladen.

Anwohner wie Anuschka Guttzeit befürchten, dass die Gegend auch für Touristen, Cafébesitzer und Mieter an Wert verliert. Und ärgern sich darüber, dass „Fahrgastschiffe mit ihrem Dieselrußausstoß durch überhöhtes Tempo, Wellenschlag und Motorschrauben das Ufer selbst ausgespült haben“. Annette Kögel

Mehr dazu im Internet:

www.wsa-b.de

www.baeume-am-landwehrkanal.de

E-Mail: baumschutz@snafu.de

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