Berlin : Landesarchiv: Endlich vereint

Holger Wild

"Dr. Müllermeyer, Erbpfleger, Bad Neuenahr. An das Landesarchiv Berlin... . ist meinen Unterlagen zufolge Herr Diethold Gombowski im Jahre 1879 in Berlin geboren. Leider ist das Datum nicht vermerkt. Könnten Sie es anhand der Einwohnermeldekartei herausfinden?"

Eine typische Anfrage an das Landesarchiv. Eine von fast 16 000, die im vergangenen Jahr beim Archiv schriftlich eingingen, die Hälfte von ihnen betraf die alte Einwohnermeldekartei (1875-1960). Sieben Umzüge hat die bereits hinter sich; der auf absehbare Zeit letzte ist erst wenige Wochen her. Jetzt stehen die hölzernen Vorkriegskarteikästen in einem fensterlosen Saal am Eichborndamm in Reinickendorf, wo hinter den Backsteinmauern einer ehemaligen Munitionsfabrik das Landesarchiv an seinem neuen Ort vereint worden ist.

Gegenwärtig werden die Regale noch eingeräumt. Auf Paletten gepackt, von Klarsichtfolie zusammengebunden, lagern Jahresbände des "Neuen Deutschlands" wie auch der "taz". Kartons stapeln sich mit dem "Nachlass Otto Suhr", in einem Flur warten die Pappröhren der Kartenabteilung darauf, magaziniert zu werden. Von sechs über ganz Berlin verstreuten Standorten mussten die Bestände des Archivs ins neue Gebäude gebracht werden. Im Oktober wird der Umzug abgeschlossen, Anfang November der Benutzerbetrieb wieder aufgenommen. Dann steht das Archiv nach einem drei viertel Jahr teilweiser Einlagerung im Depot auch der Forschung wieder zur Verfügung. Ende November ist offizielle Eröffnung.

Das Landesarchiv Berlin: 35 laufende Kilometer Akten, 170 000 Karten und Pläne, eine Bibliothek von 100 000 Bänden, mehrere Millionen Meter Film- und Tonbandaufnahmen, eine Million Fotos von Personen, Ereignissen, Szenen sowie Gebäuden von der Aachener Straße bis Zwischen den Giebeln. Dokumente der Stadtgeschichte von 1298 (ein Kaufvertrag ist die älteste Urkunde) bis in die jüngste Vergangenheit. 100 Mitarbeiter, die im letzten Jahr 103 756 Einheiten aus den Regalen holten. Jedes Jahr kommen rund 1200 laufende Meter an Archivalien dazu, Behördenakten, Nachlässe, erworbene Sammlungen. Fast 16 000 Quadratmeter Fläche nutzt das Landesarchiv in dem denkmalgeschützten Gebäude gegenwärtig. Aber es ist noch genug Platz für die nächsten 50 Jahre - zunächst sind dort Bestände der Humboldt-Universität untergebracht.

Doch es sind keineswegs nur Unterlagen von lokaler Bedeutung, die hier lagern. Berlin war Hauptstadt mehrerer deutscher Staaten, so sind auch die Bestände der verschiedenen kommunalen Spitzenverbände der letzten 100 Jahre hier untergekommen. Wegen der Akten aus der NS-Zeit sind im letzten Jahr täglich etwa 25 Anfragen von Zwangsarbeitern eingegangen. Das Archiv der SED liegt hier, ebenso die Unterlagen der staatlichen Kombinate der DDR soweit sie in Berlin ihren Hauptsitz hatten. Anders gesagt: "Das 19. und 20. Jahrhundert mit all den Umbrüchen ist außer im Bundesarchiv nirgends so umfassend dokumentiert wie bei uns", so Direktor Jürgen Wenzel.

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