20 Jahre Mauerfall : „Die Barrikaden sind ersetzt durch Verhandlungstische“

Berlins Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner, für die als Funktionärin der DKP das DDR-Ende eine tiefe Niederlage war, über Fehler, Selbstkritik und Neuanfang

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Heidi Knake-Werner (66) ist seit 2002 Sozialsenatorin. Seit 1990 ist sie in der PDS, heute Die Linke. -Foto: Thilo Rückeis

Tagesspiegel: Wie haben Sie persönlich den 9. November 1989 erlebt?


Knake-Werner: Ich war in Bremen und habe die Aktuelle Kamera geschaut.

Sie haben als Westdeutsche die DDR-Nachrichtensendung gesehen?

Ja, die war damals, im Herbst 1989, ziemlich spannend. Und dann kam die Meldung: Die Mauer ist offen.

Und Sie?

Großes Staunen, Ungläubigkeit, auch gespannte Erwartung. Wir haben die halbe Nacht vor dem Fernseher gesessen.

Einer Ihrer damaligen Parteifreunde in der DKP, der in die DDR übergesiedelte Schriftsteller Ronald Schernikau, sagte später über den 9. November: Jetzt hat die Konterrevolution gesiegt.

So habe ich das nicht gesehen. Ich habe mich am 9. November zum ersten Mal richtig mit der DDR identifiziert.

Und das, obwohl Sie in einer Partei waren, die der DDR so eng verbunden war wie sonst kaum jemand im Westen…

…ich bin Anfang der 80er Jahre nicht wegen der DDR in die DKP eingetreten, sondern trotz der DDR. Für eine Westlinke wie mich gab es in jenen Jahren genügend Gründe, sich für gesellschaftliche Alternativen einzusetzen. Ich kam ja aus der SPD und hatte dort erlebt, wie die SPD den Nato-Doppelbeschluss mit vorangetrieben hat, wie sie Berufsverbote vorangetrieben hat, wie sie sich immer weiter von Willy Brandts Vorstellungen eines demokratischen Sozialismus verabschiedet hat.

Trotzdem war die DKP ja auch eine Partei, die die DDR immer als das bessere Deutschland sah. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur DDR vor dem Mauerfall beschreiben?

Jeder private Grenzübertritt war für mich ein Ärgernis. Es gab zum Beispiel immer Probleme wegen zu vieler Bücher im Gepäck… Es gab aber auch vieles, wo ich positive Ansätze sah, zum Beispiel bei der Integration von Frauen ins Berufsleben, der sozialen Lage, der Kinderbetreuung. All diese Punkte waren interessant, spannend, aber auch konfliktbeladen. Für uns aus der Frauenbewegung war zum Beispiel trotz der hohen Erwerbstätigkeit die Rolle der Frauen problematisch, ihnen blieb die traditionelle Hausfrauenrolle zugewiesen – mit all den Aufgaben in der Familie.

Sie waren 1987 für ein Jahr zum Grundlagenstudium in Moskau und haben dort den Aufbruch erlebt, Stichwort Glasnost und Perestroika. Haben Sie danach immer noch Solidarität mit der DDR-Führung empfunden, die ja nicht gerade offen auf die Reformen reagierte?

Das Jahr in Moskau war aufregend und aufklärerisch. Es war für mich mit der Hoffnung verbunden, dass Perestroika sich auch in der DDR durchsetzt.

Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Nein, das war eine Enttäuschung für mich. In meiner Partei reagierte die Führung mit Abschottung. Aber auch wir anderen haben zu spät reagiert. Das sehe ich heute als einen meiner Fehler: Wir hatten schon vor Gorbatschow heftige Auseinandersetzungen, so über den Umgang mit Tschernobyl, aber wir haben notwendige Veränderungen nicht entschieden genug vorangetrieben.

Liest man Äußerungen von Ihnen aus jener Zeit, hat man den Eindruck, Sie haben der SED-Führung bis zum Schluss die Treue gehalten. In einem Leserbrief an die taz schrieben Sie im April 1989: „Ich denke nicht im Traum daran, der SED die Freundschaft aufzukündigen.“

Ich hatte ehrlich gesagt nicht in Erinnerung, dass es sich da um ein Treueverhältnis gehandelt hat. Ich empfand immer eine kritische Solidarität.

Und nach 1989? In einem Artikel von Anfang 1990 wurden Sie als „heimatlose Kommunistin“ beschrieben, dann gab es aber auch den Aufbruch und Ihren Eintritt in die PDS…

…das war ein Wechselbad der Gefühle damals. Ich habe lange überlegt, ob ich mich wieder in Parteien organisieren soll. Die Enttäuschung über die SPD war groß, die über die DKP war ähnlich groß. Aber ich bin auch nicht jemand, der in die Kissen heult. Ich habe mich politisch engagiert, solange ich denken kann. Mit der PDS habe ich eine Partei gefunden, die sich bemüht hat, die Veränderung mit allem was dazu gehört zu verarbeiten, inklusive Aufarbeitung der Geschichte, demokratische Entwicklung und so weiter. Sie haben Ziele vertreten, die ich seit 20 Jahren vertrat, wie soziale Gerechtigkeit, Antifaschismus und Friedenspolitik. Und sie hatten Persönlichkeiten, die diesem Anspruch von der eigenen Person her gerecht wurden.

Zugleich war die PDS 1990 ja nicht nur die Partei des Aufbruchs, sondern auch die Partei derjenigen, die Mauerschützen verteidigten, die viele Stasi-Mitarbeiter in den eigenen Reihen hatte…

Ich habe vor allem Parteitage erlebt, auf denen wir stundenlang über die Aufarbeitung der eigenen Geschichte geredet haben, über die Zugehörigkeit zum MfS, wo wir Beschlüsse diskutiert haben, dass jeder, der für ein Parteiamt kandidiert, seine Biografie offen legen muss. Das waren harte Auseinandersetzungen, die habe ich sonst nirgendwo so erlebt. Das war für alle Beteiligten ein schwerer, schmerzhafter aber unverzichtbarer Prozess, um die PDS zu einer Partei zu machen, die sich deutlich von der Vergangenheit distanziert, ohne alles in Grund und Boden zu stampfen. Sie hat natürlich die Biografien der DDR-Bürger gewürdigt. Sie hat Wert darauf gelegt, dass die Lebensleistung der Menschen in der DDR anerkannt und geachtet wird.

Eberhard Diepgen sagte kürzlich, die Beteiligung der Linken am Berliner Senat hat zum Zusammenwachsen der Stadt beigetragen, weil „die Eliten der DDR stärker eingebunden worden sind“. Sehen Sie das auch so?

Nein, es stimmt nicht, dass wir die alten Kader wieder eingesammelt hätten. Es ist auch ein Verdienst der PDS gewesen, dass sie sich von einem Großteil der alten Eliten getrennt hat. Das war ein ganz schwieriger Prozess. Und ich finde, dass war sehr wichtig – ohne dass man damit in Bausch und Bogen die gesamte DDR-Bevölkerung diskreditiert und anerkennt, was jeder persönlich an Lebensleistung eingebracht hat.

Wieweit hatten Sie als West-Linke in der PDS Möglichkeiten, auch eigene Fehler oder zu spätes Umdenken aufzuarbeiten? Oder musste das jeder mit sich selbst ausmachen?

Das habe ich eher in persönlichen Gesprächen gemacht. Viele meiner Freunde aus DKP-Zeiten standen ja auch vor einem Bruch. Wir haben uns untereinander heftigst mit eigenen Fehlern auseinandergesetzt, uns gefragt: Wieso haben wie die Veränderungen nicht rechtzeitig erkannt? Aber in der Begegnung mit der PDS war klar: Die hat den gleichen Bruch vollzogen wie ich auch.

Das Reizthema Nummer eins im öffentlichen Umgang mit der PDS in den Jahren nach der Maueröffnung lautete: Stasi. Wieweit war das auch für Sie als West-Linke ein Thema?

Es hat uns schon beschäftigt. Aber ich habe bewusst darauf verzichtet, meine Akten anzuschauen.

Wieso das?

Wir im Westen hatten ja den fragwürdigen Vorzug, dass wir von mindestens drei Diensten beschattet wurden: Vom Ministerium für Staatssicherheit, vom Verfassungsschutz und vom MAD, dem Militärischen Abschirmdienst. Da wollte ich nicht mit den Akten eines Dienstes anfangen. Ich habe gedacht, es ist jetzt auch egal. Außerdem hat uns ja wahrscheinlich der westdeutsche Verfassungsschutz erheblich mehr ausspioniert. Mein Mann zum Beispiel, der auch in der DKP war, erhielt Berufsverbot als Wissenschaftler an der Universität, fast alle meine besten Freunde hatten ebenfalls Berufsverbot als Wissenschaftler oder Lehrer. Die damaligen Prozesse zeigten, dass wir politisch unter Beobachtung waren – das war für uns eine harte Zeit.

Nun gut, aber Ihre Partei wollte ja damals das politische System der Bundesrepublik durch eine Revolution umstürzen.

Ich gehörte nie zu denjenigen, die meinten, man könnte den Kapitalismus revolutionär überwinden. Ich ging immer davon aus, dass man es nur durch grundlegende Alternativen schaffen kann, den Weg zum demokratischen Sozialismus zu ebnen.

Damit waren Sie in der DKP nicht immer mehrheitsfähig.

Nein. Aber ich war auch in anderen Punkten in der DKP nicht mehrheitsfähig. Glauben Sie nicht, dass die Frauenfrage einfach war. Aber wir haben eben darüber diskutiert, was in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wurde. Ich fand es für eine Gesellschaft, die sich demokratisch nennt und in der ich leben will sehr unangemessen, dass man Menschen, die einer bestimmten, nicht verbotenen Partei angehören, aus ihrem Job schmeißt, weil sie auf Listen für diese Partei kandidierten.

So gesehen müssten Sie ja heute, 20 Jahre danach, Genugtuung empfinden, dass Sie vom äußeren politischen Rand ins Zentrum der politischen Macht gewandert sind.

Ja, schon. Es macht Spaß, an anderer Stelle Einfluss nehmen zu können. Und ich empfinde auch Freude darüber, dass viele Fragen, die ich vor vielen Jahren mit aufgeworfen habe, heute zum politischen Allgemeingut gehören: Vom Mindestlohn über die bedarfsorientierte Grundsicherung bis hin zur Stellung der Frau in unserer Gesellschaft. Vieles von dem, was ich damals mit vielen angeschoben habe…

Das war allerdings ja keine so bruchlose Entwicklung. Einige Monate nach dem Mauerfall sagten Sie mal, dass sich durch die Veränderungen in Osteuropa und der DDR die Kräfteverhältnisse zugunsten des "Imperialismus" verschoben haben, Sie kritisierten die Einführung der Marktwirtschaft in der DDR und den Verzicht der SED-PDS-Führung um Gysi auf grundlegende Kapitalismus-Kritik. Was denken Sie heute über dieses damalige Urteil aus Ihrem Munde?

Große Worte, aber natürlich haben sich die Kräfteverhältnisse geändert. Viele von uns hatten sich damals einen anderen Weg vorgestellt. Natürlich dachten wir über Alternativen jenseits von DDR-Diktatur und kapitalistischer Entwicklung nach. In diese Debatte passen solche Aussagen von mir hinein.

Ist das, was Sie in den letzten 20 Jahren als Politikerin, als Bundestagsabgeordnete und jetzt als Senatorin getan haben, für Sie eine konsequente Weiterführung dessen, was Sie auch vor 1989 schon wollten?

Ein paar Punkte sind schon konsequent. Ich habe mich auch vor 1989 für soziale Gerechtigkeit eingesetzt, daran hat sich nichts geändert. Ich glaube, dass auch heute deutlich wird, dass ich mich eher der Seite der Benachteiligten in unserer Gesellschaft zuwende als andere. Es ist mir aber auch klar, dass das, was ich für die sozial Benachteiligten durchsetzen möchte, nur in Aushandlungsprozessen zu erreichen ist.

Die Linke diskutiert auch 2009 wieder über die eigene Geschichte und über die nach wie vor innerhalb der Partei sehr unterschiedlichen Einschätzungen zu DDR, SED und Mauerfall. Wie sehr ist die SED-Vergangenheit für die Linke im Wahljahr 2009 eine Last in der öffentlichen Wahrnehmung?

Die Vergangenheit und die DDR-Geschichte mit allem, was nie zu einem sozialistischen Land passte wie Mauer, Schießbefehl und Stasi, sind ja immer probate Anlässe, uns zu kritisieren und immer wieder neue Bekenntnisse abzufordern.

Aber es gibt ja auch immer wieder Genossen, die gute Vorlagen liefern, indem sie die Diktatur schönreden…

…ja, es gibt Leute in unserer Partei, die dazu Anlass bieten. Dem muss man entschieden entgegentreten. Aber man muss auch deutlich machen, wer heute bei uns den Ton angibt. Die PDS heute, beziehungsweise die Linke, ist ja durch etwas ganz anderes gekennzeichnet. Dennoch haben wir die Auseinandersetzung ja bis heute auch intern. Zum Beispiel, wenn auf der einen Seite die Gräber der Sozialisten und auch die der ehemaligen DDR-Machthaber besucht werden, aber auf der anderen Seite eben auch beim Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus Blumen niedergelegt werden. Es gibt solche Denkweisen wie früher in der Linken noch, aber die haben mit den Entscheidungsstrukturen in unserer Partei nichts mehr zu tun. Wir haben es als PDS, als Linke geschafft, die jungen Intellektuellen zu gewinnen, die mit der alten DDR-Elite nicht verbunden waren und die heute unsere Partei prägen.

Und trotzdem gibt es in Bezirken wie Lichtenberg immer wieder Veranstaltungen mit dem Ziel, das Bild der DDR weicher zu zeichnen als auch Ihnen lieb sein kann.

Aber das sind doch Minderheiten! Sonst wären sie in den Gremien stärker vertreten, aber das ist nicht so.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu den ehemaligen Genossen von der DKP, oder vielleicht auch zur Kommunistischen Plattform in der Linken. Sie kommen ja immerhin aus dem gleichen Lager…

Zu DKP-Mitgliedern habe ich gar kein Verhältnis mehr. Natürlich sieht man sich vielleicht mal auf einem Parteitag, wenn der DKP-Vorsitzende da ist. Aber es kann ja kein gutes Verhältnis sein, weil die Rechtgläubigen immer den größten Hass denen gegenüber empfinden, die sich abgewandt haben. Die treibt ja immer noch die Vorstellung um, dass wir zum Niedergang der Partei zu einer Splittergruppe beigetragen haben.

Welche Bedeutung haben Ihre früheren Genossen von der DKP für den Westaufbau der Linken?

Es sind ja nur sehr wenige DKP-Mitglieder in der PDS bzw. in der Linken angekommen. Die meisten neuen Mitglieder im Westen kommen ja auch jetzt eher aus den Gewerkschaften, aus der SPD, oder waren vorher noch nirgendwo organisiert. Von daher spielt die DKP auch für unsere Entwicklung im Westen kaum eine Rolle.

Ihre früheren Genossen in der immer noch bzw. wieder existierenden DKP sind der Linken auch wegen der in Berlin praktizierten Realpolitik in Hassliebe verbunden, die "UZ" spottete neulich über die Berliner Linken-Führung als "Kuschelbärenbande" - haben Sie Ihre politischen Ziele aus der Zeit vor 1989 verraten - oder sind Sie Ihnen als Senatorin näher als je zuvor?

Ich denke, ich habe in den vergangenen Jahren sehr gute Chancen gehabt, Dinge zu erreichen, die mir schon vorher wichtig waren. Nehmen Sie als Beispiel den Öffentlich geförderten Beschäftigungssektor. Das Konzept habe ich schon im Bundestag entwickelt. Es ist mir gelungen, das umzusetzen – unter den fürchterlichen Bedingungen der Hartz-IV-Gesetzgebung. Und trotz Hartz IV habe ich es geschafft, eine Menge für die Betroffenen herauszuholen.

Als Sie Ihr Amt als Sozialsenatorin antraten, sagten Sie, Sie wechseln jetzt auf „die andere Seite der Barrikade“.

Ja, so ist es ja auch. „Barrikade“ kann man aber getrost als Metapher nehmen. Aber es ist ja klar, dass man in der Opposition eine andere Rolle einnimmt, als wenn man in Verantwortung ist. Für mich war immer klar: Es braucht entschiedene Opposition, aber auch Übernahme von Verantwortung, auch Regierungsverantwortung. Auf der Seite der sozial Benachteiligten und in scharfer Konfrontation mit den Durchmodernisierern und den Neoliberalen bin ich trotzdem nach wie vor. Aber die Barrikaden sind jetzt durch Verhandlungstische ersetzt worden.

Das Interview führte Lars von Törne

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