Alleingelassen : Kinderschutz-Blockade geht weiter

Wieder verschiebt der Senat Neueinstellungen – trotz weiterer Fälle von Verwahrlosung geht der Streit um mehr Helfer damit in eine neue Runde. Leidtragenden sind die Kinder, die scheinbar nur noch auf aufmerksame Nachbarn hoffen können.

BerlinWieder einmal waren es aufmerksame Bewohner und Passanten, die die Polizei riefen und am Wochenende dazu beitrugen, dass erneut vier Fälle von Kindesvernachlässigung bekannt wurden. Am Freitag holte die Polizei in Wilmersdorf ein dreijähriges Mädchen aus einer stark verwahrlosten Wohnung. "Wir hatten einen Hinweis aus der Bevölkerung bekommen", sagte Jugendamtsleiterin Uta von Pirani. "Die Mitarbeiter sind daraufhin mehrmals zu der Adresse gefahren, doch nie hat jemand die Tür geöffnet." Deshalb hätten die Sozialarbeiter die Polizei informiert.

Als die Beamten am Abend klingelten, öffnete die 22-jährige Mutter des Kindes. Die Wohnung war nach Angaben der Polizei mit Unrat und Dreck übersät, weder altersgerechte Kleidung noch Essen waren vorhanden. "Die Familie war uns bisher nicht bekannt", sagte von Pirani. Das Mädchen wurde dem Kindernotdienst übergeben. Auch in Hellersdorf war es ein Mieter, der die Polizei rief. Das Kind einer Nachbarin habe Durst gehabt und ihn um etwas zu trinken gebeten. Es kam heraus, dass alle drei Kinder (10, 6 und 5 Jahre) allein in der Wohnung waren. Die Mutter war an die Ostsee gefahren, um sich von den Kindern zu erholen.

Am Sonnabend und Sonntag wurden in Lichtenberg und Marzahn Kleinkinder entdeckt, die unbeaufsichtigt in gefährlicher Höhe auf Fenstersimsen balancierten. Passanten, die das bemerkten, riefen ebenfalls sofort die Polizei, um Schlimmeres zu verhindern.

Senat verschiebt den angekündigten Beschluss

Trotzdem fehlt immer noch das längst versprochene Konzept zur personellen Absicherung des Kinderschutzes in den Jugend- und Gesundheitsämtern. Der Senat verschob gestern den angekündigten Beschluss auf nächsten Dienstag. Bei 24 zusätzlichen Stellen für die Jugendämter herrscht im Senat Einigkeit. Weitere 24 Stellen für Sozialpädagogen im öffentlichen Gesundheitsdienst bleiben umstritten. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) fordert doppelt so viele neue Stellen und blockiert deshalb eine schon abgestimmte Senatsvorlage.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) beharren aber auf einer Personalbemessung, die bereits 2006 beschlossen wurde: Pro 10 000 Kinder bis 18 Jahre stellen die Gesundheitsämter 1,5 Kinderärzte, 2,5 Sozialpädagogen und 2 Arzthelfer/-innen. Aufgrund dieser Bemessung wurden sogar Stellen abgebaut, die jetzt wieder aufgestockt werden - nach Lompschers Meinung nicht in ausreichendem Maße. Sie soll jetzt nach Umschichtungsmöglichkeiten zwischen den Bezirken suchen, deren Personalausstattung im Gesundheitsbereich sehr unterschiedlich ist. (tabu/za)

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