Ambulante Pflegedienste : 8,24 Euro für Waschen und Körperpflege

Die ambulante Krankenpflege wird heftig kritisiert: Die Sozialverwaltung, Arbeitgeber und Diakonie sprechen übereinstimmend von katastrophalen Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung.

Von „katastrophalen Arbeitsbedingungen“ ist die Rede, von „wachsendem Zeitdruck“ und einer „unangemessenen Bezahlung“: Die Sozialverwaltung, der Arbeitgeberverband im Gesundheitswesen und die diakonische Beratungsstelle „Pflege in Not“ haben gestern übereinstimmend die Arbeitsbedingungen in der ambulanten Krankenpflege heftig kritisiert. Anlass sind die aufgedeckten gravierenden Pflegemängel bei 17 Pflegediensten. Wie berichtet, haben die Pflegekassen diesen Firmen die Zusammenarbeit gekündigt, was bedeutet: Leistungen werden nicht mehr honoriert.

Man wolle die betroffenen Unternehmen nicht verteidigen, heißt es in der Sozialverwaltung und bei den Fachverbänden. Verantwortungslosigkeit gegenüber Patienten müsse geahndet werden. Doch anderseits mache das Ausmaß der Beanstandungen die „schwierige Situation in der häuslichen Pflege“ deutlich. Sie sei geprägt von Leistungsvergütungen, die seit zwölf Jahren nicht mehr erhöht und sogar teils um bis zu 20 Prozent verringert worden seien. 8,24 Euro würden für die „kleine Körperpflege“ gezahlt – Waschen, Zahnpflege, Kämmen. Oder 9, 89 Euro fürs Einkaufen. Trotz des oft schwierigen Umgangs mit Patienten, die wegen ihrer Krankheit komplizierte Persönlichkeiten sind, müssten die Helfer für vergleichsweise geringe Löhne zunehmend unter Zeitdruck arbeiten. Von den Kassen wird diese Kritik nicht geteilt: „Die Vergütung ist kein Grund für Pflegemängel.“

Die Verwaltung von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) hatte die Sanktionen der Kassen auf eine FDP-Anfrage hin bekanntgegeben. Patienten hätten unzureichende Nahrung erhalten, begründeten die Kassen ihr Vorgehen. Inkontinente Menschen seien nicht fachgerecht versorgt worden, andere habe man unsachgemäß gebettet. Wegen solcher Vorwürfe gerieten in den Jahren 2004 bis 2006 neben den 17 gekündigten Pflegediensten 56 weitere Firmen in die Kritik. Sie wurden auf andere Weise vertraglich gemaßregelt. Diese Anzahl von Beanstandungen ist nach Auskunft der Kassen ungewöhnlich hoch. Insgesamt gibt es in Berlin 430 solcher Dienstleister. Sie versorgen rund 60000 Patienten ambulant.

Zu ihren Mitarbeitern gehören Krankenschwestern, Altenpfleger und angelernte Helfer. Im Team erledigen diese je nach Vereinbarung mit den Kassen vielseitige Hilfen – vom Spritzen, Waschen und Umbetten bis zum Putzen und Einkauf.

Wie engagiert sie arbeiten, überprüft der Medizinische Dienst (MDK) der Kassen teils mit unangemeldeten Kontrollen nach bestimmten Qualitätskriterien. Außerdem werde jeder neue Pflegedienst „genau kontrolliert“, bevor er einen Kassenvertrag erhält, versichert der MDK. Diese Neuzulassungen haben seit 2000 stark zugenommen. „Pflegedienste schießen aus dem Boden“, sagt Dorothee Unger von „Pflege in Not“. Denn der Anteil älterer, teils pflegebedürftiger Menschen nimmt in Berlin stark zu.

Das verlockt nach ihrer Darstellung „schwarze Schafe unter den Dienstleistern, eine schnelle Mark auf Kosten der Patienten zu machen“. Angesichts der geringen Vergütung müssten sie dazu allerdings sehr nachlässig arbeiten. Die große Mehrheit der engagierten Pflegedienste versuche hingegen, mit den Honoraren „bis hin zur Selbstausbeutung“ klarzukommen. Ihre große Hoffnung sei nun die Reform der Pflegeversicherung. Sie sieht eine höhere Vergütung vor. CS

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