Antisemitismus : Jüdische Gräber geschändet

Unbekannte haben auf dem Friedhof-Weißensee gewütet und 30 Grabsteine umgestoßen. Zudem wurde jetzt bekannt, dass die Zahl antisemitischer Übergriffe in Berlin gestiegen ist. Die Jüdische Gemeinde trifft sich am Mittwoch zum eigens gegründeten "Forum gegen Antisemitismus".

Hannes Heine,Claudia Keller
Gräber
Der jüdische Friedhof in WeißenseeFoto: dpa

BerlinUnbekannte haben auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee etwa 30 Grabsteine umgeworfen. Ein Friedhofsgärtner entdeckte die Tat am Dienstag. Der Staatsschutz ermittelt wegen Störung der Totenruhe und Sachbeschädigung - ein rechtsextremer Hintergrund wird nicht ausgeschlossen. In der Vergangenheit hatten Neonazis immer wieder jüdische Symbole in ganz Berlin angegriffen. Der Friedhof in Weißensee ist ein nationales Kulturdenkmal und gilt als einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas. Dort liegen unter anderem der Mediziner Albert Fraenkel und der 2001 gestorbene Schriftsteller und Linkspolitiker Stefan Heym. Ein Gedenkstein erinnert auch an die sechs Millionen von den Nazis im Dritten Reich ermordeten Juden. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) besuchte am Dienstag den geschändeten Friedhof.

Ebenfalls am Dienstag ist ein zwischenzeitlich wohnungsloser Mann zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er soll jüdische Schüler vor deren Oberschule am Hackeschen Markt beleidigt haben. Der 31-jährige Verurteilte sei außerdem mit seinem Hund hinter einem 15-jährigen Jungen her gerannt, um ihm Angst einzujagen. Es handele sich jedoch nicht um einen Angriff einer rechtsgerichteten Gruppe, sagte der Richter. Eine Kleine Anfrage der Grünen im Angeordnetenhaus hat ergeben, dass es im vergangenen Jahr in Berlin neun antisemitische Übergriffe gegeben hat, drei davon in Mitte. Im Jahr zuvor waren es noch vier, 2005 wurden drei Vorfälle von der Polizei registriert.

Die neue Leitung der Jüdischen Gemeinde Berlin will den Kampf gegen Antisemitismus verstärken. Dazu soll am Mittwoch ein "Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus" (JFDA) gegründet werden. Geplant ist ein Zusammenschluss von jüdischen Experten, die sich auf verschiedenen Gebieten mit Antisemitismus auseinandersetzen. "Antisemitische Tendenzen sind in Deutschland längst kein Phänomen der politischen Extreme mehr. Auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus werden antisemitische Ressentiments verbreitet", sagen Chana Steinwurz und Maja Zehden, Sprecherinnen des JFDA. Das Forum plant ein Online-Informationsportal. Zur Auftaktveranstaltung am Mittwochabend erwartet die Gemeinde unter anderem die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) und den Vizepräsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, Uwe Lehmann-Brauns (CDU).

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