Ausbildung : Migranten finden kaum noch Lehrstellen

In den kommenden Wochen wird es für viele Schulabgänger ernst bei der Suche nach Lehrstellen. Besonders schwer haben es Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Sigrid Kneist

In den kommenden Wochen wird es für viele Schulabgänger ernst bei der Suche nach Lehrstellen. Besonders schwer haben es Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ihre Chancen sind erheblich geringer als die ihrer deutschen Altersgenossen. Sowohl beim Handwerk als auch bei Handel und Industrie stellen Jugendliche ohne deutsche Staatsangehörigkeit in Berlin nicht einmal fünf Prozent der Lehrlinge. Diese Quote liegt unter der im öffentlichen Dienst, wo Migranten neun Prozent der Auszubildenden ausmachen. Dort sind allerdings auch jene Jugendlichen erfasst, deren Familien eingebürgert wurden. Gut 20 Prozent der Schulabgänger in Berlin sind junge Migranten. Derzeit suchen noch knapp 15 000 Jugendliche eine Lehrstelle.

Nicht nur hier ist die Situation für Migranten schwer. Laut der Bundesagentur für Arbeit ist bundesweit die Ausbildungsquote bei ihnen in den letzten zehn Jahren um ein Viertel gesunken. Auf einer Fachtagung widmet sich die Bundesagentur in dieser Woche diesem Problem. Dabei klagt die Industrie zunehmend über Fachkräftemangel und drängt die Politik, ausländische Spezialisten ins Land zu lassen.

Einer der Gründe für die schlechte Ausbildungsquote ist in Berlin, dass gut die Hälfte der jungen Migranten die Schule ohne einen Abschluss oder mit dem Hauptschulabschluss verlassen. „Es fehlen ihnen aber auch die familiären Vorbilder“, sagt Nihat Sorgec vom Bildungswerk Kreuzberg, das vor allem jugendliche Migranten fördert. Oft seien die Eltern arbeitslos und nicht mit dem System der dualen Ausbildung in Deutschland vertraut. Etlichen Jugendlichen sei deshalb nicht richtig bewusst, dass ohne eine Ausbildung eine berufliche Karriere kaum möglich ist. Dieses Problem ist auch dem Türkisch-Deutschen Unternehmerverband bekannt. Deswegen will die Vereinigung, in der rund 200 Betriebe meist türkischstämmiger Unternehmer vertreten sind, Schüler der neunten und zehnten Klassen zu Informationsveranstaltungen einladen und bei der Vermittlung von Praktika und Ausbildungsplätzen helfen, sagt Sprecher Hakan Authmann.

Bildungswerk-Geschäftsführer Sorgec verweist aber auch darauf, dass es in manchen deutschen Unternehmen immer noch Vorurteile gegen Migranten gebe. Die Firmen jedoch, die Jugendliche mit Migrationshintergrund einstellten, seien in der Regel zufrieden mit ihren Auszubildenden. Das Bildungswerk hat jetzt in einem Projekt rund 100 Ausbildungsplätze bei türkisch-stämmigen Betrieben eingeworben. Die Lehrstellen kommen nicht nur Migranten zugute. „Die türkischstämmigen Unternehmen wollen auch deutsche Auszubildende“, sagt Sorgec. Eine gesunde Mischung bei den Beschäftigten sei auch im Sinne der Integration wichtig.

Die Industrie- und Handelskammer bemüht sich ebenfalls um Ausbildungsplätze bei Unternehmen, die von Migranten geleitet werden. Das gehe quer durch die Berufe – von der Rechtsanwalts- und Notargehilfin bis zur Zahnarzthelferin, sagt Eleonore Bausch, bei der IHK zuständig für Ausbildung. Einen weiteren Weg probiert die Handwerkskammer: Sie warb nach Angaben von Geschäftsführer Ulrich Wiegand bei jungen Unternehmen. 40 Betriebe boten Lehrstellen an; elf von ihnen werden von Migranten geleitet.

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