Ausblick : Noch trotzt Berlin der Krise

Experten sind verhalten optimistisch: Weil es relativ wenig Industrie gibt und der Tourismus gut läuft, könnte die Stadt von der Krise nicht ganz so hart getroffen werden.

Ralf Schönball[Sigrid Kneist],Antje Sirleschtov
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Dämmerung auf dem Teufelsberg. Noch lässt sich kaum absehen, was mit der Wirtschaftskrise im nächsten Jahr auf Berlin zukommt....

Ob in der Parlamentsdebatte oder auf dem Parteitag der Linken – Harald Wolf malt dieser Tage düstere Szenarien: Der Wirtschaftssenator spricht von „verheerenden Auswirkungen“ der Finanzkrise auf Berlin. Es drohten „Massenentlassungen und gesellschaftliche Auseinandersetzungen“. Gegen diesen „wirtschaftlichen Tsunami“ stemmt sich der Senat mit einem eher kleinen Konjunkturprogramm: 50 Millionen Euro zusätzlich für Schul- und Sportstättensanierung und den Einsatz von nicht abgerufenen Investitionsmitteln. Wolfs Parteifreund Stefan Liebich regte dagegen den Einsatz von 600 Millionen Euro zur Stützung der Konjunktur an – doch dazu kommt es vorerst nicht.

Ist gegenwärtig eher vornehme Zurückhaltung oder doch eine kapitale Konjunkturspritze angezeigt? Die Experten sind sich uneinig. Denn in diesem Jahr soll die Wirtschaft in Berlin noch um 1,5 Prozent wachsen – stärker als im Rest der Republik. Auch stärkten krisenresistente Nischen wie der Bau des Flughafens BBI in Schönefeld, Tourismus und die Gesundheitsbranche die Berliner Konjunktur. Reicht das aber aus, den drastischen Einbruch der Auftragseingänge in der Industrie aufzufangen?

„Mit etwas Glück stagniert die Berliner Wirtschaft nächstes Jahr“, sagt Hartmut Mertens, Chefvolkswirt der landeseigenen Investitionsbank. Seine Kollegin Petra König von der Industrie- und Handelskammer pflichtet ihm bei. Unter Glück verstehen die Experten: Benzin bleibt billig, was Tourismus und Konsum stärkt, und im Januar legt der Bund ein Konjunkturpaket auf, das den Bau stützt.

Doch die Experten warnen auch: Im Oktober hat die Krise auch Berlin erreicht. „Aus dem Ausland gehen viel weniger Aufträge ein als im Vorjahr“, sagt Mertens. Stark betroffen sind Maschinenbau (Januar bis Oktober minus 20 Prozent) und Chemie (minus 16 Prozent) – die Industrie insgesamt bekam zwölf Prozent weniger Aufträge. Weniger Aufträge bedeuten weniger Umsatz, was zu Entlassungen führen kann.

Berlins Glück ist aber, dass die Wirtschaft weniger exportabhängig ist als im Bundesdurchschnitt. Den größten Anteil am Sozialprodukt haben Dienstleistungen. Beispiel Tourismus: Das Statistische Landesamt meldet einen Besucherboom im Oktober (plus zehn Prozent), auch die Fluggastzahlen stiegen. Mehr Besucher bedeuten mehr Geld für Gastwirte und Hoteliers, und auch in den Läden lassen die Besucher Geld.

Gute Nachrichten auch von der Messe: „Das Geschäft läuft“, sagt Sprecher Michael Hofer. Der erste Gradmesser, die Grüne Woche im Januar, starte mit einer Rekordbeteiligung. Die Internationale Tourismus-Börse im März wohl auch.

Bei Bäckereien, Friseuren oder Kfz-Firmen gebe es zwar weniger Aufträge, aber keinen flächendeckenden Einbruch im Handwerk, sagt Kammerchef Jürgen Wittke. Der Präsident derIndustrie- und Handelskammer, Eric Schweitzer, sorgt sich dennoch vor einem Konjunktureinbruch. Er fordert den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zum Handeln auf: „Berlin braucht ein eigenes Investitionsprogramm von 1,5 Milliarden Euro.“ Investitionen in Schulen, Turnhallen und öffentliche Infrastruktur stärkten Unternehmen und sicherten Arbeitsplätze. Darüber hinaus forderte Schweitzer eine Entlastung des Mittelstandes durch die Senkung von Gewerbe- und Grunderwerbssteuer.

Noch sind nur einige Hundert Berliner von Kurzarbeit betroffen. „Es gibt aber mehr Anfragen von Firmen“, sagt Uwe Mählmann von der Arbeitsagentur.

Jetzt kommt aber erst mal Weihnachten – und auch im Einzelhandel laut Verdi keine Krise. Man rechne sogar mit einem besseren Weihnachtsgeschäft als 2007.

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