Ausgebremst : Zukunft von Jugendverkehrsschulen unsicher

27 Jugendverkehrsschulen machen Kinder fit für die Straße, doch die 18 Stellen im öffentlichen Beschäftigungssektor laufen Ende des Jahres aus.

von und Nadine Kuhn
Rechts vor links. Auf umzäunten Parcours wird verkehrsgerechtes Verhalten trainiert. Die Schulen haben außerdem oft noch eine soziale Funktion: Die Betreuer helfen bei Hausaufgaben oder hören zu, wenn die Kinder Probleme haben. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Rechts vor links. Auf umzäunten Parcours wird verkehrsgerechtes Verhalten trainiert. Die Schulen haben außerdem oft noch eine...

„Rechts vor links!“, ruft der achtjährige Lukas aus Kaulsdorf triumphierend, als er in die Pedale tritt, um an seiner ein Jahr älteren Schwester Lina vorbeizuziehen. Lina bremst, bekommt aber sogleich Gelegenheit, ihre Ehre wiederherzustellen. „Du musst den Arm raushalten, wenn du abbiegen willst!“, ruft sie. Lukas ist abgebogen, ohne Handzeichen zu geben.

Normalerweise eine gefährliche Unachtsamkeit. Gut, dass Lukas das nicht im Stadtverkehr passiert ist, sondern in der Jugendverkehrsschule Marzahn-Hellersdorf. Auf umzäuntem Gelände können Kinder hier verkehrsgerechtes Verhalten üben. Ampeln, Zebrastreifen, Baustellen – hier geht es zu wie draußen in der ungeschützten Welt. Nur eben eine Nummer kleiner. Wie lange sich Kinder noch in solchen Schulen ausprobieren können, um Verkehrssicherheit zu erlangen, ist allerdings ungewiss.

Die meisten der 27 Jugendverkehrsschulen in Berlin werden inzwischen von Mitarbeitern in Beschäftigungsmaßnahmen betreut. Nachdem sich die Polizei vor drei Jahren fast vollständig zurückgezogen hat und nur noch zu den Fahrradprüfungen kommt, lassen fast alle Bezirke ihre Einrichtungen von freien Trägern betreiben.

Zwar ist die Zahl der Kinder, die im Berliner Straßenverkehr verunglücken, rückläufig. 796 Kinder kamen 2009 im Straßenverkehr zu Schaden, keins davon tödlich. Im Vorjahr waren noch 1220 Kinder verunglückt, zwei von ihnen starben. In einigen Bezirken sind die Unfallzahlen gestiegen. Beispiel Kreuzberg: Im Jahr 2009 kamen dort 52 Kinder zu Schaden, im Jahr zuvor waren es noch 39. Auch in Friedrichshain wurden mit 29 Unfällen acht mehr als im Vorjahr gezählt.

Angesichts dieser Statistik wundert sich Boris Kolipost über die ungesicherte Zukunft der Verkehrsschulen, die vorwiegend Viertklässler fit für die Straße machen sollen. Der Leiter der Jugendverkehrsschule Friedrichshain- Kreuzberg und sein 18-köpfiges Team halten nur mit Mühe und Not die drei Verkehrsschulen des Doppelbezirks am Laufen. Die 18 Mitarbeiter, die beim freien Träger BUF angestellt sind, erhalten ihr Bruttogehalt von 1300 Euro vom Jobcenter. Diese Stellen aus dem öffentlichen Beschäftigungssektor laufen Ende des Jahres aus. Zwar bekommen einige feste Mitarbeiter eine Verlängerung für ein weiteres Jahr, das Gesamtprojekt ist aber nur bis 2011 befristet. Wie es danach für Kolipost und seine Mitarbeiter weitergeht, ist unklar.

Warum die Jugendverkehrsschulen in der Haushaltsplanung so weit unten rangieren, kann der Erzieher nicht nachvollziehen. Die Jugendverkehrsschulen werden zwar von den Bezirksämtern betrieben, doch mehr als Sachleistungen steuern diese nicht bei. Für die drei Verkehrsschulen in Friedrichshain-Kreuzberg gebe es „ gerade einmal Material im Wert von 1500 Euro im Jahr“, sagt Barbara Humbek, Fachbereichsleiterin für Verkehr im Bezirksamt. Ohne die Hilfe von Spendern und Sponsoren könnten die Verkehrsschulen nicht leben – so komme immerhin das Nötigste wie Fahrräder und Helme zusammen. Barbara Humbek: „Noch haben wir einen pensionierten Polizisten, der ehrenamtlich arbeitet. Der hört aber im nächsten Jahr auf.“ Ein Nachfolger sei nicht in Sicht.

In der Verkehrsschule an der Wiener Straße lernen die Kinder nicht nur die Rechts-vor-links-Regel. Hier im Brennpunktkiez hat die Schule vor allem eine soziale Funktion. Wenn die Mitarbeiter nicht gerade darüber wachen, dass sich die Kettcar-Schumis ordnungsgemäß verhalten, helfen sie bei Hausaufgaben oder hören zu, wenn es zu Hause Probleme gibt. „Die Kinder erzählen mir alles. Und ich helfe gerne“, sagt Mitarbeiterin Fatima Becirevic. Bei der gebürtigen Bosnierin gibt es eine Regel: „Es wird nur deutsch gesprochen.“

In der Verkehrsschule in Hellersdorf sind Lina und Lukas immer noch mit den Rädern unterwegs. Hier darf von 14 bis 18 Uhr geübt werden, vormittags gibt die Polizei hier Unterricht für Schulklassen. Der Eintritt ist gratis, die Kosten trägt der Bezirk. Betreuer Gerhard Pommeranz sagt: „Richtig so!“ Aus seiner Sicht sind solche Anlagen mindestens so wichtig wie Sporthallen und Schwimmbäder.

Das sieht Christian Gräff (CDU), Bezirksstadtrat für Wirtschaft, genauso – und sagt: „Die Verkehrsschulen werden sowohl vom Senat als auch in den Schulen stiefmütterlich behandelt.“ Immerhin, in Hellersdorf ist die Finanzierung bis zum kommenden Jahr gesichert. Dass immer mehr Eltern mit dem Nachwuchs trainieren kommen, findet Pommeranz klasse. Manchmal muss er aber auch die Erwachsenen rügen und etwa auf die Helmpflicht aufmerksam machen. Lukas’ und Linas Vater ist aber ein tadelloses Vorbild. Dass seine Tochter kichernd befindet, sein Helm sehe „ganz schön bescheuert aus“, trägt er mit Fassung.

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