Behandlungsfehler : Pflegepersonal der Charité ist überlastet

Der Personalrat und Die Grünen kritisieren: Eine Ausreichende Versorgung der Patienten in Berlins größtem Krankenhaus ist kaum noch zu gewährleisten.

Hannes Heine
Charite-Hochhaus
Das Charité-Hochhaus in Mitte. -Foto: dpa

Personalmangel, Stress, Überstunden. Die Charité – Berlins größtes Krankenhaus – steht in der Kritik. „In der Charité gibt es im Pflegebereich zu wenig Fachkräfte“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Heidi Kosche, dem Tagesspiegel. Die Mitarbeiter würden eine „Welle von Überstunden“ vor sich herschieben. Eine ausreichende Pflege der Patienten sei dadurch kaum zu gewährleisten. „Die Mitarbeiter sind überlastet, der Abbau der Überstunden geht viel zu langsam voran“, sagt Kosche.

Vom Personalrat der Charité heißt es, dass in ersten sechs Monaten dieses Jahres die Beschäftigten im OP-Pflegebereich schon 50 Prozent mehr Überstunden angesammelt hätten als im Vorjahreszeitraum. Während bis zum ersten Halbjahr 2006 rund 10 000 Überstunden in der Anästhesie- und OP-Pflege angefallen seien, belaufe sich die Zahl bis Mitte 2007 schon auf etwa 15 000 Stunden.

Wie aus der Antwort von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) auf eine Abgeordnetenhausanfrage hervorgeht, hat allein das Pflegepersonal in den Operationssälen bis zum 30. Juni dieses Jahres schon mehr als 10 000 Überstunden angehäuft. Es gebe deshalb immer mehr Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter, sagt Personalratsmitglied Carsten Becker: „Wir haben einen massiven Fachkräftemangel.“ In der Anästhesie- und OP-Pflege sind insgesamt knapp 330 Vollzeit- und rund 160 Teilzeitmitarbeiter beschäftigt.

Durch den Arbeitsdruck würden Behandlungsfehler wahrscheinlicher, das Risiko für die Patienten werde größer, erklärten Mitarbeiter. „Besonders schwierig ist es, wenn bettlägerige Patienten von zu wenigen Kollegen getragen werden müssen“, sagt Becker. Auch der zunehmende Einsatz von Leiharbeitern sei ein Zeichen dafür, dass es dem Universitätsklinikum an geeignetem Personal fehle. Der Personalrat will kommende Woche Protestaktionen starten: „Die Kollegen sind sauer“, sagt Becker.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi – die mit der Charité erst kürzlich einen Tarifvertrag vereinbart hatte – befürchtet eine Überlastung der Mitarbeiter. „Darunter kann die Pflegequalität leiden“, sagt Verdi-Krankenhausexperte Werner Koop. Klinikmitarbeiter gehen davon aus, dass bis zu 50 neue Vollzeitstellen nötig seien, wenn die Krankenhausleitung künftig ganz auf Überstunden verzichten sollte.

Die Pflegedirektorin der Charité, Hedwig Francois-Kettner, weist diese Forderung zurück. „Wir stellen demnächst bis zu 20 neue Pflegekräfte ein, das ist ausreichend.“ Dafür, dass sich einige Mitarbeiter überlastet fühlen hat Francois-Kettner jedoch Verständnis. „In einer so großen Klinik gibt es auch einen hohen Arbeitsdruck.“ Da Patienten zunehmend auch von außerhalb Berlins in die Charité kämen, müsse man derzeit ungewöhnlich viele Kranke versorgen. Üblicherweise sei die Klinik im Winter weniger belegt. „Zu Weihnachten wollen wir zahlreiche Überstunden abbauen“, sagt Francois-Kettner. Viele Menschen verschöben einen nötigen Krankenhausaufenthalt bis in den Januar.

In einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung heißt es, dass die Belastung für das Pflegepersonal bundesweit zunehme. Neben einem „kontinuierlichen Anstieg des Arbeitsaufwandes“ für Krankenpfleger erwarte man in einigen Fällen ein „Absinken der Möglichkeit, eine ausreichende Versorgung anzubieten“.

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