Berlin : Hauptstadt der Senioren

Die Berliner werden immer älter – und immer mehr Alte leben in Berlin. Der Senat stellt seine Strategie vor, wie sich Berlin auf die Alterung seiner Bevölkerung vorbereiten will - zum Beispiel mit Wohnprojekten.

Ralf Schönball,Lars von Törne
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Im Jahr 2030 wird jeder vierte Berliner älter als 65 Jahre sein – sechs Prozentpunkte mehr als heute. Noch drastischer steigt die Zahl der über 80-Jährigen: Fast doppelt so viele wie heute werden in etwa 20 Jahren in der Stadt leben – nahezu 260 000 Menschen. Das sagte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Dienstag und stellte Strategien vor, wie sich Berlin auf die Alterung seiner Bevölkerung einstellen will.

Diese sind auch dringend nötig, weil der Bedarf an Pflege, altersgerechten Wohnungen und städtischen Räumen ohne „Stolperfallen“ mit der Alterung rasant wächst, während aber zugleich das Geld im Land und in privaten Haushalten knapp ist. Und schon heute ist klar: Die Altersarmut wird in der Stadt dramatisch steigen – wegen der zunehmenden Zahl von Billiglöhnern und von Berlinern, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind.

Dieses Problems will sich der Senat nun annehmen – unter anderem, indem er gestern den von der Stadtentwicklungssenatorin vorgelegten Bericht „Wohnen in Zeiten des längeren Lebens“ beschloss, der Daten und Ziele der Landespolitik zusammenfasst. „Es geht nicht nur um die Frage des Wohnens im Alter, sondern auch um die Frage: Wie wollen wir leben?“, beschrieb Junge-Reyer die Herausforderungen für die Stadt. Der Senat sehe seine Aufgabe unter anderem darin, gemeinschaftliche Wohnformen für Alt und Jung zu unterstützen, Barrieren abzubauen, die Ältere oder Behinderte ausgrenzen, und sich dafür einzusetzen, dass das Angebot an Wohnraum den sich ändernden Bedürfnissen entspricht.

Praktisch heißt das für Junge-Reyer zum Beispiel, dass Vermieter, die entsprechende vielfältige Wohnformen anbieten, günstige Kredite bei der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB) bekommen können. Die „Netzwerkagentur Generationenwohnen“, die Wohnprojekte berät, wird mit jährlich 400 000 Euro vom Senat gefördert. Auch würden landeseigene Grundstücke für entsprechende Projekte vom Liegenschaftsfonds zu Festpreisen und nicht nach Höchstgeboten vergeben.

Weitere Vorschläge liefert das „Demografiekonzept“, das die Senatorin vor sechs Wochen vorgelegt hatte. Die Verfasser schlagen vor: Ältere Menschen so lange wie möglich in ihrer Wohnung zu halten, Senioren für Lesepartnerschaften mit „Junioren“ und für andere „Ehrenämter“ zu gewinnen und ihnen selbst Angebote zur Weiterbildung zu unterbreiten, etwa zur Aneignung von PC-Kenntnissen. Außerdem müssten Stadt und Wohnungen „altersgerecht“ umgebaut werden: mit kurzen, barrierefreien Wegen zu Läden und Pflegestellen.

Die Strategie, Senioren so lange wie möglich fit in einem auf sie zugeschnittenen Kiez zu halten, ist auch deshalb ohne Alternative, weil die Zahl der Pflegeeinrichtungen begrenzt ist. Vor allem aber haben viele Senioren in Zukunft kaum das Geld, aufwendige Hilfen zu bezahlen. Die Verfasser des Demografiekonzeptes regen deshalb an, Beschäftigte des „zweiten Arbeitsmarktes“ zur Betreuung heranzuziehen – so sollen „bezahlbare Dienstleistungen“ im Pflegebereich entstehen.

Doch das sind nur Überlegungen. Eines der wenigen bisher konkret greifbaren Ergebnisse des Konzeptes ist die Einrichtung von 36 „Pflegestützpunkten“ bis zum Jahr 2011 „als erste Anlauf- und Beratungsstelle bei medizinischen und pflegerischen Versorgungsfragen“ – auch sie könnten die Krankenhäuser entlasten. Die jetzt vorgelegten Konzepte haben einen langen Vorlauf: Eigentlich wollte der Senat schon Ende 2008 sein Demografiekonzept vorgelegt haben, das systematisch Leitziele in der Stadtentwicklungs-, Integrations- und Gesundheitspolitik beschreibt – etwa den Bau altersgerechter Wohnungen. Und vor mehr als zwei Jahren hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) angekündigt, neue Modelle für das Zusammenleben von Alt und Jung entwickeln zu wollen. Wowereits Vorschlag: „Kitas und Altenheim unter ein Dach bringen“ – zum Beispiel in Schulen, die wegen Schülermangels schließen. Das zielt auf eine Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements, die Senatorin Junge-Reyer gestern zum zweiten Mal anregte: Rüstige Senioren sollen bildungsfernen Kindern den Erwerb von Lesen und Schreiben erleichtern. Sogar eine Bundesratsinitiative wollte Wowereit dazu lancieren. Doch geschehen ist bisher wenig.

Nach Ansicht der Senatorin liegt die Landesregierung aber voll im Plan: „Wir sind in Berlin außerordentlich weit“, sagte Junge-Reyer. Als Indiz dafür zieht sie eine ganz andere Statistik zu Rate: Der „positive Wanderungssaldo“ von über 60-Jährigen, also ihr Zuzug nach Berlin, liege seit Jahren bei 20 000 Menschen im Jahr. „Viele Menschen sagen: Im Alter gehen wir nach Berlin“, sagt Senatssprecher Meng. „Das ist ein Kompliment für die Stadt.“

Die vom Senat geförderte Beratungsstelle für generationenübergreifendes Wohnen: www.stattbau.de/?id=145

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